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„Weglaufen gibt’s nicht.“ So lautet die zentrale Erkenntnis, die für den zwölf- fast dreizehnjährige Julian Collien am Ende eines langen Sommers steht, in dem sich sein Leben in vielerlei Hinsicht verändert hat. Wie die meisten Romane Rothmanns ist auch Junges Licht ein Entwicklungsroman. Auch hier geht es wieder um die Adoleszenz und die prägenden Erfahrungen im Übergang von der Kindheit zur Jugend: um den Verlust der Unschuld im doppelten Sinne, um das schmerzliche Erfahren der eigenen Unfreiheit angesichts familiärer, schulischer und ökonomischer Zwänge und um das Streben nach Emanzipation der eben entdeckten eigenen Individualität.
Junges Licht erzählt aus der Sicht des heranwachsenden Julian die Erlebnisse einiger einschneidender Sommerwochen Mitte der sechziger Jahre in einer kleinbürgerlichen Bergarbeitersiedlung. Mit großer Intensität entfaltet sich aus der Perspektive dieses naiven, verträumten, zugleich aber sehr sensibel beobachtenden und erlebenden Jungen ein Panorama dieses einerseits sehr speziellen Milieus der Kumpel und ihres Arbeits- und Familienalltags, eingebettet in eine typische sechziger Jahre Spießigkeit. Andererseits ergibt sich daraus aber auch ein weit über diese Epoche hinausweisende Bild einer Adoleszenz und Initiation.
Rothmann erzählt hier von einem melancholisch-zärtlichen Abschied von der Kindheit, bei dem die flimmernd helle Sommeratmosphäre mit dem flirrend-verwirrenden Seelenzustand Julians korrespondiert, der ahnungsvoll die Dinge registriert, die um ihn herum passieren und die er noch nicht zu deuten weiß: Da die Familie nicht genug Geld hat, gemeinsam in den Sommerurlaub zu fahren, bleibt Julian zusammen mit seinem schweigsamen Vater zuhause, während seine kranke und permanent überforderte Mutter mit der kleinen Schwester zu Verwandten nach Norddeutschland fährt. Fürsorglich kümmert Julian sich um seinen Vater, kocht Tee und schmiert ihm Brote für die Arbeit unter Tage und versucht, ihm auf diese Weise nahe zu sein. Wenn der Vater bei der Schicht ist, sitzt der einzelgängerische Julian meist allein zuhause in der Wohnung, denn die Jungen aus der Nachbarschaft haben ihn aus ihrer „Bande“ ausgeschlossen und terrorisieren ihn. Julian hockt dann entweder stundenlang vor dem Fernseher und versucht sich aus Liebesfilmen das „Küssen mit Zunge“ abzugucken oder er beobachtet Marusha, die frühreife fünfzehnjährige Stieftochter von Herrn Gorny, in dessen Haus die Familie Collien zur Miete wohnt. Marusha, die immer wieder von verschiedenen Männern auf ihrem Zimmer besucht wird, fasziniert und erschreckt Julian zugleich. Zumal sie ihn immer wieder mit ihrer verbalen und sexuellen Direktheit provoziert, der er noch nichts entgegenzusetzen weiß.
Doch nicht nur Julian kann sich Marushas Reizen und aufreizendem Verhalten schwer entziehen, auch sein Vater fühlt sich von dem lebenslustigen und selbstbewußten Mädchen angezogen und schläft schließlich sogar mit ihr. Julian wird Zeuge dieses Ehebruchs, der dazu führt, daß der Hausbesitzer Gorny die Familie hinauswirft und Julians Mutter noch gereizter aus dem Urlaub zurückkehrt, als sie es ohnehin schon war. Julian fühlt sich in mehrfacher Weise schuldig daran, daß die Familie nun unter diesen peinlichen Umständen umziehen muß. Denn der schmierige Gorny hatte ihm zuvor sexuelle Avancen gemacht, denen er sich aber entziehen konnte. Außerdem glaubt er, er hätte den Vater vor dem Betrug bewahren können und müssen. Er versucht daher alle Schuld auf sich zu nehmen und bei der Beichte Absolution für sie beide zu erhalten, was der Priester ihm natürlich verweigert. Es fällt Julian schwer zu begreifen, daß man nicht die Verfehlungen eines anderen bereuen und sie daher auch nicht sühnen kann – so gerne er dieses Opfer als Liebesbeweis für seinen wort- und emotionskargen Vater erbringen würde.
So endet das Buch mit dem Aufbruch in eine in vielerlei Hinsicht offene Zukunft: Die Familie zieht um, und Julian läßt mit diesem Ortswechsel zum einen ganz konkret seine Kindheit zurück. Zum anderen beginnt für ihn auch insofern ein neuer Lebensabschnitt, als er sich entscheidet, dem Rat des kauzigen alten Pomrehn, der einsam auf einem Hof in der Nähe lebt, zu folgen: „Weglaufen gibts nicht. Wohin du auch gehst, du bist auf der Welt, mein Junge. Und die ist immer dieselbe. Also bleib, wo du bist, und wenn sich ein Gewitter zusammenbraut, sag dir: Es geht vorbei, auch das Schlimmste. […] Und wenn du dich für die Freiheit entschieden hast, kann dir gar nichts passieren. Nie.“ (S. 212) Der Alte formuliert hier eine jener Einsichten, wie sie typisch für Rothmanns Erzählwelten sind. Sie lassen das Ende der Kindheit gleichermaßen als Ahnungen von frühem Leid und als tröstende Träume von Erfüllung erscheinen, wie auch immer diese am Ende aussehen mag.
Dieses durchgehend Schwebende und unterschwellig Bedrohliche spiegelt sich auch in dem Todesmotiv, das die erotisch und aggressiv aufgeladene Sommeridylle durchzieht: So finden sich in den Erzählfluß unvermittelt sechs Passagen eingefügt, in denen es um die Gefährdungen eines namenlosen Bergmanns unter Tage geht, der schließlich von einem herabstürzenden Gesteinsbrocken im Stollen erschlagen wird. Diese Momentaufnahmen repräsentieren die Allgegenwart der Lebensbedrohung und öffnen die Adoleszenzgeschichte auf eine allgemeinmenschliche Aussage hin.
Ralf Rothmann kehrt mit seinem jüngsten Roman in die beengte und beengende Bergarbeiterwelt seiner Kindheit zurück und schreibt so seine Ruhrgebiets-Trilogie fort, die die Romane Stier (1991), Wäldernacht (1994) und Milch und Kohle (2000) umfaßt. Auch Junges Licht ist zwischen Zeche und Arbeitersiedlung angesiedelt und schildert die Alltäglichkeiten dieses kleinbürgerlichen Milieus mit einem genauen, unaufgeregten, stets empathischen Blick. Rothmann erweist sich hier aufs Neue als Menschenkenner, der ohne je explizit zu psychologisieren, das Innere seiner Figuren offenlegt, ihre Verletzlichkeit und oft vergebliche Sinnsuche zeigt – mit einer wohltuenden Diskretion und Feinfühligkeit, die die Figuren und ihre Lebensformen nie denunziert.
Rothmann ist ein Meister der leisen Töne, er beschreibt seine Figuren und ihr Milieu präzise, ohne in Sozialkitsch oder Verklärung abzugleiten. Mit seiner eindringlichen Bildlichkeit und differenzierten Sprache hat er einen Text geschaffen, der in seiner atmosphärischen Dichte die Vorgänge in der Welt des Heranwachsenden in ihrer ganzen Komplexität anschaulich werden läßt.
Anne-Bitt Gerecke
August 2005
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