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 Image Kai Schmidt

Der Entenkönig

dtv
München 2003
ISBN 3-423-70777-1
216 Seiten

Nicht mehr lieferbar


 

Der aktionsreiche Tierroman ist, wie fast alle Rezensenten betonen, für Erwachsene und für Kinder gleichermaßen unterhaltsam. Seine Dramaturgie trägt von der ersten bis zur letzten Seite, Stil und Wortwahl erinnern den erwachsenen Leser häufig an amerikanische Detektivgeschichten der 40er Jahre, und doch fühlen sich auch kleine Kinder durch die skurrilen und liebevoll gezeichneten Tier-Akteure direkt angesprochen. Die witzigen Schwarzweiß-Illustrationen von Sybille Hein verleihen den durchweg schrulligen Figuren mit klarem Strich zusätzlich Charakter.

Die Handlung entwickelt sich parallel an zwei Orten: am See, wo Lucia und Douglas, ein sehr verliebtes Entenpaar, sich gerade auf ihre ersten Küken freuen und auf dem nahegelegenen Bauernhof, wo der alte, gutmütige Wachhund Böser Bär und sein Freund Carlos, der große, schwarz-weiße Kater, leben. Böser Bär lebt in der Guten Stube, seiner ungewöhnlichen Hundehütte, ausgestattet mit hellblauen Polstermöbeln und Aquarellen attraktiver Hundedamen. Carlos' Lieblingsplatz ist der große Kachelofen des Bauern, wo er vorzugsweise amerikanische Actionfilme im Fernsehen sieht. Außerdem gibt es da noch Nane, die im Hühnerstall den Ton angibt und sich ständig mit Carlos anlegt, im Grunde aber eine herzensgute Henne ist.

In 32 kurzen Kapiteln, die einen ständigen Szenenwechsel ermöglichen, entwickelt Schmidt die rasante und aufregende Geschichte:

Douglas, "einer der hübschesten unter den Erpeln am See, und einer der klügsten und mutigsten noch dazu", gerät bei seiner abendlichen Runde auf dem See in den Sog des Abflussschachts. Er kann sich nicht mehr befreien und wäre mit Sicherheit ertrunken, hätte ihn nicht Böser Bär zufällig entdeckt und gerettet. Der Hund trägt den bewusstlosen Erpel nach Hause in die Gute Stube und bettet ihn auf das blaue Sofa. Glücklicherweise kommt ihm die praktisch veranlagte Nane zu Hilfe und entwickelt sich schnell zur resoluten Krankenpflegerin.

Inzwischen vermisst Lucia ihren Mann, der vom Schwimmen nicht zurückgekehrt ist. Hingebungsvoll betrachtet sie ihr Gelege: "Wie gleich sie zu sein scheinen", murmelte sie. "Trotzdem kommen völlig verschiedene Küken heraus." So bemerkt sie zunächst nicht, dass das Wasser des Sees steigt: Böser Bär hatte für seine Rettungsaktion die Schleuse geschlossen. Lucia muß ihre fünf Eier in einen höher gelegenen Autoreifen evakuieren, wobei das Schlimmste geschieht: ein Ei geht verloren und Lucia kann ihre anderen Eier nicht verlassen, um es zu suchen. Was sie nicht weiß: der See läuft über den Damm und schwemmt das Ei an einen sicheren und warmen Ort. Es bleibt in einem von der Sonne beschienen Topf liegen, wo es von Friedrich, einer furchtlosen und neugierigen Wühlmaus, gefunden und behütet wird.

In der Guten Stube indes kommt Douglas zu sich und weiß weder wo, noch wer er ist: er hat durch den Unfall sein Gedächtnis verloren. Er stammelt nur unzusammenhängende Wörter und fürchtet sich weder vor dem Hund noch vor dem Kater. Der weltläufige und abgebrühte Carlos ist überzeugt, der Erpel habe sich nicht nur einen Flügel gebrochen, sondern auch eine "Schraube locker".

In einem Fiebertraum sieht Douglas einen Entenkönig, umringt von Entenengeln. Er wacht auf und stammelt "Entenkönig", was Nane zu der felsenfesten Erkenntnis bringt, eine Majestät vor sich zu haben und von Stund an den gesamten Bauernhof dazu anhält, sich entsprechend untertanenhaft zu benehmen.

Auch Lucia träumt – von Wilhelm, dem verlorenen Küken. Als sie erwacht, steht der alte Graureiher Jean-Pierre vor ihrem Autoreifen und möchte ein Gespräch anknüpfen. Lucia läßt sich, trotz Jean-Pierres Gestank nach Fisch, von dessen charmantem französichen Akzent erobern, der sie so zum Lachen bringt, dass sie sogar für einen Augenblick ihren tiefen Kummer vergessen kann. Auch Jean-Pierre kennt das Gefühl, jemanden zu verlieren: seine Frau, "ein bild'übsches Mädschen, alter mecklenburgischer Landadel", war drei Jahre zuvor in eine Hochspannungsleitung geflogen. Die beiden werden Freunde und Jean-Pierre verspricht, Douglas wiederzufinden.

In der Luft wird er von einer Gruppe cooler Krähenjungs, Kuno und seinen Kumpels Matisse, Tiger, Ali und Rocky, belästift, die unterwegs sind,um "Rentner zu piesacken", wie sie es nennen. Jean-Pierre aber läßt sich nichts gefallen, bringt Kuno zum Absturz und beauftragt ihn, sich mit seinen Kumpels an der Suche nach Douglas und dem Ei zu beteiligen. Die anderen aber haben das Weite gesucht und so beschließt Kuno, allein gelassen, auszuwandern.

Während Jean-Pierre Lucia beim Brüten vertritt, versucht Carlos mehr über die Herkunft des angeblichen Entenkönigs zu erfahren. Aus den Tagesthemen weiß er , dass "es bei Enten die Monarchie nie gegeben" hat. Er läuft zu Harvey Schröder, dem Waschbären, der mit seiner Familie am See wohnt und erzählt ihm, was passiert ist. Harvey kann zwar nicht weiterhelfen, ist aber in dieser herrlichen Szene wortgewandter Partner des als "Lieutenant John McLaine" agierenden Katers.

Inzwischen geht es auf dem Bauernhof immer höfischer zu: Nane veranlaßt eine Prozession, um dem König sein Reich zu zeigen. Vivat-Rufe ertönen. Eine Sänfte wird auf dem Rücken von Böser Bär installiert, und der Erpel wird über den Bauernhof getragen, sämtliche Hühnern und zahlreiche andere Tiere im Gefolge. Zufällig beobachten von Matisse und Tiger diesen merkwürdigen Umzug. Als sie kurz darauf nach einer filmreifen Verfolgungsjagd von Jean-Pierre zur Rede gestellt werden, erzählen sie ihm vom erstaunlichen Geschehen auf dem Bauernhof und der Reiher macht sich auf den Weg dorthin.

Auch Lucia erfährt nun vom Geschehen auf dem Bauernhof: Carlos taucht, auf dem Heimweg von Harvey, neben ihrem Autoreifen auf, woraufhin sie vor Angst in Ohnmacht fällt. Als sie in seinen Armen erwacht, erneut versinkt und dann vorsichtig die Augen öffnet, erfährt sie von Carlos, was passiert ist In ihrer Verzweiflung bittet Lucia, "jenseits ihrer Zurechnungsfähigkeit", den Kater, auf ihre Eier aufzupassen und macht sich ebenfalls auf zum Hof.

Dort hat Jean-Pierre inzwischen durch einen Beinahe-Absturz für große Aufregung gesorgt, in deren Verlauf Douglas vom Hunderücken fällt und noch einmal das Bewußtsein verliert. Wie nicht anders zu erwarten, erlangt er durch diese Erschütterung seinen Normalzustand wieder. Endlich trifft Lucia ein und das Paar schließt sich glücklich in die – Flügel.

Heike Friesel

Januar 2004



 

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