|
|  | |
In seinem Buch Sprache oder Was den Mensch zum Menschen macht beschäftigt sich Nikolaus Nützel mit den verschiedensten Fragen zum Thema Sprache. Dass es die Sprache ist, die das spezifisch Menschliche ausmacht und uns damit von den Tieren unterscheidet, wie es der Untertitel suggeriert, ist so sicher zu kurz gegriffen. Dass sie ein deutlicher Ausdruck dieses Unterschiedes ist, daran gibt es jedoch keinen Zweifel. Fragt man also nach den Anfängen der Sprache, so schwingt die Frage nach den Anfängen der Menschheit mit.
So grundsätzlich beginnt auch Nützel. Und damit es verständlich bleibt und gelernte Linguisten trotzdem nicht verzweifeln, schickt der Autor seinen Ausführungen den Hinweis voraus, dass er Manches ganz bewusst vereinfacht hat, um es auch jüngeren Lesern begreiflich zu machen. So macht Nützel diesen anspruchsvollen Gegenstand zum ansprechenden Thema seines sehr anschaulichen und spannenden Buches, das die unterschiedlichsten Aspekte der menschlichen Sprache beleuchtet.
Zunächst beschreibt der Autor die verschiedenen Forschungsansätze, die die Anfänge der menschlichen Sprache untersuchen. Welche der vielen bekannten Sprachen war die erste? Gab es nur eine erste Sprache oder gleich mehrere? Wie könnte Sprache entstanden sein? Nicht auf alle Fragen bietet die Spracharchäologie auch Antworten, aber ein paar Theorien regen zum eigenen Nachdenken an.
In diesem Zusammenhang geht Nützel auch auf die Unterschiede zwischen der menschlichen und der tierischen Verständigung ein. Angefangen bei relativ einfachen Warnsignalen zum Schutz vor Feinden, wie es sie bei zahlreichen Tierarten gibt, bis hin zu angeblich sinnvollen Unterhaltungen mit Menschenaffen über abstrakte Themen berichtet Nützel von den unterschiedlichen Formen tierischer Kommunikation. Nützliche Internet-Adressen am Ende des jeweiligen Kapitels regen zum Weiterlesen an.
Einen großen Teil seiner Darstellung widmet Nützel der heutigen Sprachenvielfalt und den wissenschaftlichen Überlegungen zu deren Ursprüngen. Die höchsten Schätzungen sprechen von bis zu 10.000 Sprachen, die es derzeit auf der Erde gibt, andere sind vorsichtiger und gehen von ca. 3.000 aus. Tatsache aber ist, dass es durch die wachsende Mobilität der Menschen ständig weniger werden, so dass die Frage berechtigt ist, ob es irgendwann nur noch eine einzige „Weltsprache“ geben wird.
Der Schritt von der Sprache zur Schrift ist (für uns) ein logischer. Und doch haben sich die ersten Schriften erst vor ca. 5.000 Jahren entwickelt, sowohl in Ostasien als auch im Nahen Osten. Nützel beschreibt die Entwicklungswege von Symbolschriften zu Silben- und Buchstabenschriften. Anhand von Bildern und Tabellen zeigt er, wie die Entschlüsselung alter Schriften gelingen konnte, welche archäologischen Entdeckungen hierfür nötig waren und wie sehr solche Forschungsarbeiten letztlich Knobelaufgaben sind.
Von der Entschlüsselung frühester Schriften zur Verschlüsselung moderner Botschaften ist es nur ein kleiner Schritt. Ob es sich um Geheimsprachen oder militärische Nachrichtenübermittlung handelt, hochkomplizierte Codierungsprogramme zum Einsatz kommen oder einfach Buchstaben nach einem bestimmten Schema verschoben werden: für Nichteingeweihte sind diese Texte nicht lesbar. Aber solche Codes finden sich nicht nur in geschriebenen Texten, sondern auch in der gesprochenen Sprache. Das Rotwelsch als Ganovensprache ist ein Beispiel, an dem Nützel den sprachhistorischen Hintergrund von „Geheimsprachen“ illustriert.
Nützel verwendet zahlreiche Beispiele nicht nur aus dem Deutschen, sondern auch aus dem Englischen, Französischen und Italienischen, um die Verwandtschaft von Sprachen oder um die Entwicklung moderner Begriffe aus alten Wörtern zu demonstrieren. Bei einer Übersetzung müsste daherVerschiedenes adaptiert werden, aber gerade für die europäischen Leser bietet dieses Kinder-Sachbuch eine Flut an neuen und unterhaltsamen Erkenntnissen zu unserer alltäglichen Sprache. Die übersichtlich gestalteten Kapitel sind mit zahlreichen Illustrationen und grafischen Darstellungen ausgestattet und können ohne weiteres auch einzeln gelesen werden.
Heike Friesel
Januar 2008
|