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Als der junge Prager Koch Mojmir Demeter in die abgelegenen Berge fährt, um sich dort um seine sterbenskranke „Adoptiv-Oma“ Omi Kalomi zu kümmern, kennt noch niemand die Bedeutung der Abkürzung EBS: Erosion of Basic Substance. Es ist die Bezeichnung für eine unheimliche neue Seuche, die sich rasend schnell zunächst in Tschechien und dann auch anderswo ausbreitet. Die Infizierten empfinden zunächst eine nie zuvor erlebte Leichtigkeit des Körpers und lösen sich nach kurzer Zeit buchstäblich in Luft auf, offenbar vollkommen schmerz- und spurlos. Zurück bleiben einzig ihre Kleider.
Doch zunächst bekommt Mojmir nur wenig von den radikalen Veränderungen mit, die die Epidemie im ganzen Land auslöst. Während er in der Abgeschiedenheit der Berge vor der Infektion geschützt ist, verschwinden die Menschen flächendeckend, die Ansteckung geht so schnell voran, dass auch die paramilitärisch organisierten „Hygieniker“-Trupps nichts ausrichten können. Diese gefürchteten Einheiten stecken jeden, der irgendwie Kontakt mit Kranken hatte, in gefängnisähnliche Quarantänelager, aus denen niemand zurückkehrt.
Nachdem auch das Strom- und Telefonnetz zusammengebrochen ist, hat Mojmir keinerlei Möglichkeit mehr, sich über die aktuelle Lage zu informieren. Erst als die alte Frau Kalomova schließlich doch stirbt, geht Mojmir ins nächste Dorf, nimmt sich einen der herrenlos herumstehenden Lieferwagen, bringt sich selbst das Fahren bei und transportiert „Omi Kalomis“ Leichnam im Sarg auf den Friedhof.
Offenbar ist die eigentliche Seuche inzwischen vorüber, doch die Welt ist nicht mehr die, die er zuvor gekannt hat. Nur noch sehr vereinzelt sind Menschen anzutreffen, und diese sind meist bewaffnet und äußerst misstrauisch. Doch zunächst trifft Mojmir auf das zutiefst religiöse Ehepaar Martin, das sein Überlebenswissen bereitwillig mit ihm teilt und ihn am liebsten als eine Art Adoptivsohn gleich bei sich behalten möchte. Aber Mojmir will zurück nach Prag und sehen, was von seinem alten Leben übrig ist und ob er seinen besten Freund Egon wieder findet. Er trifft auf die misstrauische Jessica, die ihn erst einmal als „Hundefresser“ bezeichnet – Mojmir ist Rom, also Zigeuner –, und auf den vietnamesischen Jungen Vasek. Die beiden haben sich, jeder auf seine Weise, bislang allein durch das Endzeitszenario geschlagen. Langsam entwickelt sich zwischen dem Trio eine Art „Familiensituation“, ein Teenager-Paar, das sich gegenseitig und der unklaren Beziehung, in der es zueinander steht, nicht so recht über den Weg traut, und ein verwaistes Kind, das seine offenkundige Traurigkeit durch besonders cooles Verhalten zu überspielen versucht und heimlich in Jessica verliebt ist.
Iva Procházková erzählt in ihrem Roman nicht nur eine spannende Geschichte, sondern sie lotet auch die Grenzen, vor allem aber die Möglichkeiten menschlichen Handelns unter extremen Bedingungen aus. Trotz seiner schlechten Ausgangslage – er gehört einer diskriminierten Minderheit an und wächst im Waisenhaus auf – ist Mojmir Demeter ein humorvoller, ausgeglichener und verlässlicher junger Mann, der sich rührend um seine Mitmenschen kümmert. Vielleicht haben ihn gerade die Widrigkeiten in seinem Leben auf die menschlichen Abgründe vorbereitet, er kann sich wehren und verlässt sich vor allem auf sich selbst. Jessica dagegen kann ihre Angst nur langsam zurückdrängen, zu groß ist die konkrete Bedrohung durch marodierende Gewalttäter und so bleibt sie auch Mojmir gegenüber vorsichtig. Vasek schließlich, der Mutter und Geschwister hat sterben sehen, ist listig, frech und lässt seine tiefe Trauer nur selten durchscheinen. Doch auch wenn es ihnen zunächst schwerfällt, sich aufeinander einzulassen, haben sie doch keine andere Wahl angesichts der extremen Situation, in der sie sich befinden.
Der Autorin gelingt es in außergewöhnlicher Weise, anrührend zu schreiben, ohne je kitschig zu sein, Spannung zu erzeugen, ohne reißerische Horroreffekte zu bemühen. Selbst tragische Situationen bricht sie durch Alltagskomik und lässt dadurch die Tragik realistisch und nicht pathetisch erscheinen. Auch ihr Protagonist Mojmir ist durch und durch glaubwürdig, obwohl er manchmal fast ein bisschen zu sympathisch wirkt. Er ruht in sich, ist mit sich und dem, was er tut, zufrieden. Kochen ist sein Hobby und sein Beruf zugleich und seinen Traum, mit seinem besten Freund Egon ein Hotel am Toten Meer zu eröffnen, gibt er bis zum Schluss nicht auf. Schließlich sind es ja oft die Träume , die uns durch die schwierigen Zeiten des Lebens tragen…
Heike Friesel
Oktober 2007
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