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Ralf Caspary ist Hörfunkredakteur und lädt regelmäßig renommierte Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in die „Aula für Kinder” ein. Dort erklären diese ihr jeweiliges Fachgebiet auf höchst unkonventionelle und „universitätsfremde” Art: Spannend, unterhaltsam und informativ soll der Vortrag sein – um die Neugier der Kinder zu wecken und die jungen Zuhörer zu fesseln. Für das Jugendsachbuch Aula. Wissenschaft für neugierige Kinder hat Caspary zehn der interessantesten Beiträge ausgewählt und überarbeitet. Herausgekommen ist ein informatives und abwechslungsreiches Buch für junge Menschen, das Türen zu verschiedenen Wissensgebieten öffnet und zum Denken und Forschen anregt.
Die Titel der Aufsätze sind als Fragen formuliert und lauten beispielsweise: „Können wir zu anderen Sternen reisen?”, „Wird es auf der Erde immer wärmer?” oder „Hat die biblische Erzählung über Israel recht?”. Science-Fiction-Filme, Klimaveränderung und Bibeltexte sind Themen, denen die Jugendlichen auch schon im Alltag begegnet sind. Hier werden sie zum Ausgangspunkt für weitere Fragen. Damit wird suggeriert: Wissenschaft ist nichts „Weltfremdes”. Sie entsteht, wenn Alltagsphänomene hinterfragt werden, und wird angetrieben von Wissensdrang und Neugier. Und an diesem Punkt, so der Herausgeber, treffen sich Forscher und junge Leser. Denn auch Kinder sind von Natur aus neugierig – und genau darin soll die Aula sie bestärken.
Die Aula will jungen Lesern den Weg in eine Welt des Wissens ebnen, die gemeinhin Erwachsenen vorbehalten ist. „Wissensvermittlung” ist hier das Stichwort. Es geht darum, dass Lernen kein ödes Pflichtprogramm, sondern spannend ist. Und die zu Wort kommenden Wissenschaftler verstehen es tatsächlich, die Inhalte jugendgerecht zu vermitteln. Was auch daran liegt, dass in den Beiträgen ihre Begeisterung für ihr Fachgebiet mitschwingt.
„Können wir zu anderen Sternen reisen?” ist die Frage, mit der sich der Astrophysiker Harald Lesch beschäftigt. Raumschiffe, Kriege im Weltall und „Beamen“ kennen Jugendliche aus Science Fiction-Filmen – aber geht das auch in Wirklichkeit? Dazu muss erst einmal geklärt werden, welche physikalischen Eigenschaften der Weltraum besitzt. Er ist „leer”, so Lesch, und deshalb kreisen die Planeten auf immer gleichen Bahnen um die Sonne. Doch was genau bedeutet das? „Stell dir vor, [...] [die Planeten] würden sich durch Honig bewegen. Der Honig ist sehr zähflüssig; wenn sich ein Gegenstand durch ihn fortbewegt, reibt er sich an ihm. Das heißt also: Würde ein Planet sich im Honig bewegen, würde er durch die Reibung sofort an Geschwindigkeit verlieren, er würde immer langsamer und langsamer werden.”
In diesem leeren Weltall sind Entfernungen und Wege so unvorstellbar groß, dass man sie auch mit Lichtgeschwindigkeit nicht in angemessener Zeit überwinden kann. Eine Pizzabestellung von der Erde zu einem Ort am anderen Ende der Milchstraße würde einhunderttausend Jahre dauern. „Wenn Kommander Kirk, der legendäre Chef des ebenso legendären Raumschiffes Enterprise, mal kurz mit den Bewohnern anderer Milchstraßen Kontakt aufnimmt und mit ihnen spricht, als würden sie gleich um die Ecke wohnen, dann sage ich: Das geht nicht, dazu sind die Entfernungen einfach zu groß.” So gelingt es dem Astrophysiker, Grundvorstellungen der komplizierten physikalischen Gesetze im Universum zu vermitteln.
Mit einer ganz anderen Frage befasst sich der Anthropologe Volker Sommer: „Sind Affen große Meister der Lüge?” Doch was ist eigentlich eine Lüge? „Lügt” ein Insekt, wenn es sich tarnt und seinen Feinden vormacht, es sei Teil eines Astes? Nein, sagt Sommer. Damit eine Täuschung zur Lüge wird, muss sie bewusst erfolgen. Der junge Pavian Paul zum Beispiel setzte sich oft neben einen älteren Artgenossen, wenn der einen besonderen Leckerbissen ausgegraben hatte, und begann laut zu schreien. Daraufhin stürmte jedes Mal seine Mutter heran, die glaubte, der Ältere wolle ihrem Sohn etwas zuleide tun. Sie jagte diesen davon, und Paul konnte sich über den Leckerbissen hermachen. Glück für Paul. Oder schlauer Paul? Um entscheiden zu können, ob Paul wirklich lügt, müsste man wissen, ob er das ganze Spiel bewusst inszeniert. Das wiederum würde von hoher Intelligenz zeugen – und wäre ein Indiz für die nahe Verwandtschaft von Affe und Mensch. Und Volker Sommer konnte einen Schimpansen tatsächlich der Lüge überführen…
Auch der Germanist und Autor Burkhard Spinnen liefert einen Beitrag: „Kann man sich zum Schriftsteller ausbilden lassen?” Darum drehen sich die meisten Fragen, die Leser ihm stellen, etwa: „Wie sind Sie eigentlich Schriftsteller geworden?”, „Lieber Herr Schriftsteller, wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Geschichten?” und „Können Sie eigentlich vom Schreiben leben?”. Anschaulich und unprätentiös beschreibt Spinnen seinen Beruf, der, so wird deutlich, weniger den Geldbeutel als die eigene Person ausfüllt. Und was ist nun die Antwort auf die eingangs gestellte Frage – kann man sich wirklich zum Schriftsteller ausbilden lassen? Nein. Schriftsteller ist einer, der ein Buch publiziert, das gelesen wird. Es ist also der Leser, der nach der Lektüre sagt: „Ja, das ist wohl Literatur, das muss ein Schriftsteller sein, der das geschrieben hat. So, als würde ein Ingenieur erst ein Ingenieur sein, wenn er eine Brücke gebaut hat, die offenbar nicht einstürzt, auch wenn schwere Wagen darüber fahren.”
Beeindruckend an diesem Jugendsachbuch ist die Leidenschaft der Autoren für ihre Themen. Der Leser spürt ihre Freude daran, einen Gegenstand anderen zugänglich zu machen - außer den genannten Disziplinen kommen zu Wort: Mathematik, Neurologie, Sprachwissenschaft, Entwicklungspsychologie, Meteorologie, Theologie/Archäologie und Kulturwissenschaft. Jeder Aufsatz bietet grundlegende und informative Einblicke in ein Wissensgebiet, die auch bei Erwachsenen oft für Aha-Effekte sorgen. Betrachtet man die Texte als Ganzes, zeigt sich das eigentliche Anliegen des Buches: Die Lust am Denken und Hinterfragen zu fördern. Denn hinter vielen Sachen, die wir als selbstverständlich hinnehmen, verstecken sich spannende Wissenswelten, die mit Hilfe neugieriger Fragen entdeckt werden wollen.
Eva Kaufmann
Dezember 2008
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