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Schon der Titel „Der Märtyrer als Waffe“ weist darauf hin, dass es Croitoru
mit seinem Buch darum geht, den Menschen, der ein Selbstmordattentat begeht, in
zwei verschiedenen Eigenschaften zu zeigen: als Täter ebenso wie als Opfer,
sozusagen als Waffe in der Hand anderer Akteure. Er schlägt einen weiten Bogen
von der japanischen Samuraitradition über die Propagierung des Einsatzes
„tausend lebender Bomben“ in Nordkorea bis hin zu Selbstmordattentaten im
Libanon und in Israel und gelangt schließlich mit der Analyse des globalen
Terrornetzwerkes von Al-Qaida zum vorläufig letzten Kapitel dieser Entwicklung.
Croitoru benutzt feine, bei flüchtigem Lesen manchmal vielleicht etwas zu wenig
explizite Mittel in der sprachlichen Unterscheidung zwischen dem
Selbstmordangriff im militärischen Zusammenhang und dem Selbstmordattentat. Auch
das Moment der „Freiwilligkeit“, die von den Verantwortlichen im Hintergrund für
beide Formen ins Feld geführt wird, beleuchtet Croitoru, indem er die subjektive
Perspektive der Täter berücksichtigt, die diesen oft keine Alternative
lässt.
Schon in der Einleitung betont der Autor, dass bestimmte Voraussetzungen
gegeben sein müssen, um in einer Gesellschaft eine Akzeptanz für und
Bereitschaft zu Selbstmordattentaten zu schaffen. Hierzu gehören vor allem eine
tief verankerte Jenseitsvorstellung, der zufolge der Märtyrer für seine Tat
belohnt wird, eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft, die ein vormodernes
Kriegerethos und einen Ehrenkodex mit dem Element der Blutrache bewahrt hat
sowie eine andauernde nationale Unterdrückung, welche die Entrechtung und
Erniedrigung durch einen militärisch überlegenen Gegner zur Routine werden
lässt. Durch diese Vorbemerkung macht Croitoru deutlich, dass es in diesem Buch
nicht darum geht, Schuldige zu benennen, sondern vielmehr darum, ein kaum
begreifliches Phänomen vor allem für westliche Beobachter verständlicher zu
machen.
Das eigene Leben zu opfern für eine Idee, eine Nation oder auch einen Kaiser
ist dem abendländischen Denken eine eher fremde Vorstellung. In den
ostasiatischen Kulturen hingegen findet sich eine lange Tradition, die Croitoru
detailliert an Hand der japanischen Samurai-Ethik und deren Instrumentalisierung
durch das japanische Militär darstellt. Diese Entwicklung fand ihren extremsten
Ausdruck in dem massiven Einsatz von Kamikaze-Kämpfern Ende des zweiten
Weltkriegs im Pazifik.
Dass diese Angriffstechnik ihren Weg in andere Teile der Welt fand, erklärt
der Autor mit dem Fortbestehen des Konzepts der „lebenden Bomben“, wie es bis
heute im kommunistischen Nordkorea propagiert wird. Croitoru vertritt die These,
dass es in den frühen siebziger Jahren, als sich vielerorts linksextremistische
Gruppierungen dem Kampf für die Weltrevolution verschrieben, auf
nordkoreanischem Boden zu Kontakten zwischen solchen revolutionären
Organisationen aus Japan und dem Nahen Osten kam. In deren Folge beging dann die
„Japanische Rote Armee Fraktion“ im Mai 1972 auf dem Tel Aviver Flughafen das
erste Selbstmordattentat im Nahen Osten.
Der Anschlag der Japaner löste unter den palästinensischen Gruppierungen
einen erheblichen Profilierungsdruck aus, der in verstärkten gewaltsamen
Aktivitäten zum Ausdruck kam. So kam es zu einer Welle terroristischer Anschläge
vorwiegend auf zivile Ziele, die Israel in den siebziger Jahren erschütterte.
Urheber der Attentate waren verschiedene, miteinander um den Führungsanspruch
konkurrierende palästinensische Organisationen, die ihre Taten politisch
begründeten und vor allem auf die nationale Befreiung Palästinas von der
„zionistisch-imperialistischen“ Unterdrückung abzielten. Religiöse Motive
spielten in dieser Zeit, wenn überhaupt, nur eine sehr untergeordnete Rolle.
Schon damals war die mediale „Vermarktung der Märtyrer“ von zentraler
Bedeutung und spielte sich nach einem bis heute gängigen Muster ab: Auf das
öffentliche Bekenntnis einer verantwortlichen Organisation und eine
Pressekonferenz folgte die Herausgabe des Vermächtnisses des „Märtyrers“ per
Tonband- oder Videoaufzeichnung. Diese Kultivierung eines auch bei
nicht-religiösen Palästinensern verankerten Märtyrerbildes sowie die
„palästinensische Erziehung“ an UNRWA-Schulen und in paramilitärischen
Jugendlagern führte zu einer hohen Bereitschaft junger Palästinenser, sich für
Selbstmordkommandos zu melden.
Den ideologischen Umschwung hin zu islamistischen Zielsetzungen erklärt
Croitoru mit den Entwicklungen während der Auseinandersetzungen im Libanon, wo
die fundamentalistischen Führer des Iran mit den syrischen Machthabern um
Einflusssphären konkurrieren. Hauptmittel war hierbei die finanzielle und
logistische Unterstützung „eigener“ Aktionsgruppen. Ständige
Menschenrechtsverletzungen durch die israelischen Besatzungssoldaten waren ein
weiterer Grund für das schnelle Anwachsen von Gruppierungen wie Hizbullah
(„Partei Gottes“), der schiitisch-libanesischen AMAL oder der „Nationalsozialen
Syrischen Partei“.
Mit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 verlagert sich die Aufmerksamkeit
der Weltöffentlichkeit wieder auf Israel und Palästina. Eine bereits 1978 in
Gaza gegründete Muslimbrüderschaft, die sich zunächst um soziale Belange der
Bevölkerung kümmert, wird zur Hamas, einer islamischen Widerstandsbewegung,
deren Fernziel die Vernichtung Israels und die Re-Islamisierung „ganz
Palästinas“ ist. Eine radikalere Absplitterung, der „Islamische Dschihad“, sowie
der militärische Arm der PLO, die Fatah, melden ebenfalls ihren Führungsanspruch
innerhalb der Intifada an. Israels Verhandlungen mit der PLO, die zu den
Oslo-Abkommen führten, und innerisraelische Ereignisse bewirkten eine erneute
Zuspitzung der terroristischen Aktivitäten, die schließlich in der
„Al-Aqsa“-Intifada mündeten.
Dass die Praxis des Selbstmordattentats inzwischen internationale Anwendung
findet, zeigt sich an so verschiedenen Orten wie Sri Lanka, Kaschmir,
Tschetschenien oder Kurdistan. Von diesen globalen Vernetzungen und den
internationalen Erfahrungen profitierte Usama Bin Laden beim Aufbau von Al-Qaida
und der Vorbereitung der Anschläge des 11. September 2001. Der entscheidende
Unterschied zu bisher bekannten islamistischen Terrororganisationen besteht
allerdings in der Tatsache, dass Al-Qaidas Motivation nicht im Kampf für
nationale oder regionale Interessen besteht, sondern von der Vision einer
islamischen Weltherrschaft lebt.
So gibt Joseph Croitoru, intimer Kenner des Nahen Ostens, mit dieser
detaillierten Darstellung Aufschluss über ein wichtiges Kapitel Zeitgeschichte.
Seine präzisen Recherchen und fairen Abwägungen machen nachvollziehbar, was als
massenhaftes Phänomen nach wie vor so unvorstellbar scheint.
Heike Friesel
Januar 2004
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