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1968 ist zur Chiffre einer internationalen Protest- und Jugendbewegung geworden. Sie beschreibt mehr als nur ein Jahr und mehr als einen Studentenaufstand im Westen. Dies veranschaulicht Norbert Frei in seinem Sachbuch 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. Er untersucht die Ausprägungen der Bewegung in verschiedenen Ländern, wobei sein Blick über die bekannten Ereignisse in Frankreich, den USA, der Bundesrepublik und Großbritannien hinausgeht, nämlich auch nach Japan, Italien und in die Niederlande. Diesen „Protesten im Westen” stellt er die „Bewegungen im Osten” gegenüber, also die Freiheitsbestrebungen jenseits des Eisernen Vorhangs, in Polen, der Tschechoslowakei und der DDR. Frei arbeitet die Unterschiede heraus und zeigt die Gemeinsamkeiten. So entsteht eine umfassende Beschreibung des Ereigniskomplexes „1968”.
Was verbirgt sich hinter dem Schlagwort „1968”? Wo liegen die Ursprünge dieser internationalen Bewegung? Was waren die gesellschaftlichen Folgen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müsse man die Protestbewegung, so Frei, in ihrer globalen Dimension und ihren verschiedenen Erscheinungsformen betrachten. Wann war also „1968”, wo fand es statt?
Die ersten Vorläufer der Protestkultur sieht Frei in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Die massive Diskriminierung von Schwarzen führte in den USA schon in den 50er Jahren zu Initiativen, die sich für ungeteilte Bürgerrechte einsetzten. Zunächst wurden diese hauptsächlich von schwarzen Minderheiten getragen, doch schon bald sprang die Unzufriedenheit auf die Studentenschaft über. Damit erweiterten sich auch die Ziele des Protests: Gleiche Rechte für alle, Redefreiheit an den Universitäten und umfassende politische Partizipation gehörten zu den wichtigsten Anliegen. Hinter diesen Einzelforderungen steckte etwas, das als gemeinsamer Nenner der gesamten Jugendrevolte gelten kann: die Utopie einer neuen Gesellschaft. Die intellektuelle Diskussion vor allem an den Hochschulen hatte das Ziel, eine „Perspektive jenseits von Sowjetkommunismus und Kapitalismus” zu finden. Spätestens mit dem Vietnamkrieg erreichte der Protest auch breitere Schichten der Gesellschaft. In der Antikriegsbewegung fanden Bürgerrechtler, Friedensaktivisten und Studenten zusammen. Neue, kreative Protestformen etablierten sich. Mit Sit-ins, Teach-ins und Massenséancen versuchte man, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Und dieser Ruf nach Aufmerksamkeit blieb nicht ungehört. Im Schatten der Proteste hatte sich Haight Ashbury in San Francisco zum „Mekka der neuen Daseinsformen” entwickelt. Kleidung, Musik, Drogen und „freie Liebe” wurden zu Möglichkeiten des Widerstands. Und für die Medien waren die spektakulären Bilder ein gefundenes Fressen.
Auch in der Bundesrepublik demonstrierten die Studenten. Dort, so Frei, fand die Revolte im Protest gegen die Verdrängung der NS-Vergangenheit einen ganz eigenen Ansatz. Die Gleichgültigkeit, mit der die Gesellschaft hinnahm, dass immer mehr ehemalige NS-Funktionäre in der Bundesrepublik hohe Ämter bekleideten, empörte die junge Generation. Der Deckmantel des Schweigens, den die Elterngeneration über die NS-Vergangenheit des jungen Staates breitete, trieb einen Keil zwischen die Generationen. Auch hier wurden die Hochschulen zu Zentren des Protests. Am Institut für Sozialforschung in Frankfurt formierte sich um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse eine Neue Linke, die fundamentale Systemkritik übte. Nach 1967 wurde der Ruf nach konkreten Aktionen lauter. Unter dem Einfluss des charismatischen Studentenführers Rudi Dutschke entstanden zahlreiche Initiativen; die Bundesrepublik erlebte turbulente Monate. In ihnen kam auch das Bewusstsein der Akteure zum Ausdruck, Teil einer historischen Bewegung zu sein. Der feste Glaube, mit Aktionen „Geschichte machen” zu können, zeigte ihre Naivität, ihre Unterschätzung der komplexen Funktionsmechanismen moderner Gesellschaften. Auf der anderen Seite machte diese Auffassung gerade den Schwung der Bewegung aus.
Nach einer ausführlichen Schilderung der Ereignisse in der Bundesrepublik widmet sich Norbert Frei dem „Protest im Westen” und vergleicht die amerikanischen und westdeutschen Unruhen mit denen in Japan, Italien, den Niederlanden und Großbritannien. Diese kurzen und prägnanten Ausführungen besitzen einen hohen Erkenntniswert, da die Protestkulturen der verschiedenen Länder gerade in der Abgrenzung einen spezifischen Charakter erhalten. Während beispielsweise die Studentenunruhen in Japan außerordentlich gewaltsam verliefen, kam es bei den kreativen Protesten der Provos und Kabouters in den Niederlanden kaum zu Ausschreitungen. Und Italien kann als einziges Land gelten, in dem es der Neuen Linken gelang, die Arbeiterschaft zu mobilisieren. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass sich „in diesen Jahren das Lebensgefühl der jungen Generation [verändert], und überall resultiert dies [...] auch aus der Wahrnehmung gesellschaftlicher Partizipationschancen und der Formulierung politischer Veränderungsansprüche”.
Dies gilt nicht in gleichem Maße für die „Bewegungen im Osten”. In den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang kamen die Proteste oftmals aus der Mitte der Gesellschaft, im Fall der Tschechoslowakei sogar aus der kommunistischen Partei. Diese Unruhen sind zwar eher in der „antistalinistischen Tradition des freiheitlichen Aufbegehrens gegen die Sowjetunion” zu sehen. Doch die Formen des Widerstands ähneln sich. Die Bilder von Selbstverbrennungen vor allem 1969 in Prag erinnerten stark an die US-amerikanischen Proteste gegen den Vietnamkrieg.
Norbert Frei zeichnet eine Chronik des globalen Widerstands: „1968 war (fast) überall”. Und doch war „1968” weder überall gleich noch auf ein Jahr begrenzt. Vielmehr gab es in jedem Land eigene Wurzeln und eigene Ausprägungen des Konflikts. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Bewegungen die moralische Entrüstung, die Suche nach einer gerechteren Gesellschaft sowie das Bedürfnis nach einer neuen Lebensform. Wurden diese Ziele erreicht? Was ist von 68 geblieben? Norbert Frei resümiert: Ihre politischen Vorstellungen konnten die 68er nicht umsetzen. Doch auf gesellschaftlicher Ebene führte das neue Lebensgefühl zu einer gewaltigen Öffnung und Veränderung. Besonders in der Bundesrepublik entstanden aus der Jugendbewegung viele Initiativen wie die Frauen- und Homosexuellenbewegung. So beschleunigte die Jugendrevolte den Wandlungsprozess hin zu einer freiheitlicheren Gesellschaft, die heute vielen als selbstverständlich gilt. In dieser Hinsicht vermittelt das Buch nicht nur geschichtliches Wissen über die Jahre und Ereignisse rund um 68, sondern ermöglicht es auch, die Gegenwart besser zu verstehen.
Eva Kaufmann
November 2008
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