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 Image Gabriele Werner-Felmayer

Die Vorsicht der Schildkröten

Berlin University Press
Berlin 2007
ISBN 978-3-940-43210-0
101 Seiten


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Buchbesprechung
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Nimmt man dieses schmale Buch zur Hand, so gibt einem der Titel zumindest auf den ersten Blick wenig Hinweise auf den Inhalt. Und auch der Untertitel bringt keinen rechten Aufschluss: „Über Charles Darwin, den heimlichen Krieg der Natur und die zukünftigen Bewohner von Santa Rosalia“ zeigt zwar die vage Richtung an, aber Genaues erfährt man auch hier nicht. Dafür wird man um so neugieriger, was es in diesem schön gestalteten Bändchen denn nun zu entdecken gibt.

Gabriele Werner-Felmayer ist Professorin für Biologie an der Universität Innsbruck und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit ethischen Fragen in der Naturwissenschaft. In ihrem Buch finden sich denn auch drei Essays, die sich mit dieser Art von Fragen befassen, doch die – inzwischen – vorsichtig gewordenen Schildkröten tauchen nur im ersten Text auf. In diesem Aufsatz vermittelt Werner-Felmayer einen kunstvoll konstruierten und vielfach überraschenden Einstieg in die Welt Darwins, verteilt auf zwölf kleine Kapitel und ein Schlusswort.

Unter angenehm unakademisch daherkommenden Überschriften wie „Erstens hätte man sich im Zoo von London treffen können“ oder „Fünftens sind auch Wissenschaftler hungrig“ verknüpft die Autorin Gedanken über ethische Fragen der Suppenzubereitung („Ist eine Kalbfleischsuppe weniger verwerflich als eine Schildkrötensuppe? Sicher nicht für das Kalb als Individuum.“) mit Plaudereien über Darwins Reise nach Feuerland und Galapagos, über seine Abenteuer und Erlebnisse in der Pampa und über seine enorme Probensammlung, die am Schluss 39.907 Proben von Tieren, Pflanzen und Mineralien umfasste.

Verschiedentlich bezieht sich die Autorin auf Personen aus zwei Romanen, nämlich aus Ozeanische Gefühle von Russell Hoban und Galapagos von Kurt Vonnegut, ohne diese Bezüge jedoch näher zu erläutern, was das Verständnis zunächst etwas erschwert. Es dauert eine Weile, bis man begreift, dass die erwähnten Personen fiktiv sind, aber dann sind die Gedankenspiele, die Werner-Felmayer hier entwirft, in ihrer Verbindung mit den wissenschaftlichen Überlegungen zur Evolution faszinierend.

Der Autorin gelingt es im ersten ihrer drei Essays ausgezeichnet, Darwins inneren Konflikt zu beschreiben, den er als Folge seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse zu bewältigen hatte. Zwar war sein eigener Großvater bereits Verfasser einer wegweisenden Veröffentlichung über die Veränderlichkeit der Arten, aber dennoch tritt der junge Charles Darwin seine Reise als überzeugter Anhänger des Schöpfungsgedankens an, schließlich hatte er gerade sein Theologiestudium abgeschlossen. Nach fünf Jahren intensiver Forschung und der Auswertung seiner mitgebrachten Proben muss er seine Haltung zur Religion jedoch revidieren.

In den Jahren nach seiner Rückkehr schreibt er eine ganze Reihe Bücher, aber bis er das entscheidende Werk Über die Entstehung der Arten veröffentlicht, vergehen mehr als zwanzig weitere Jahre. Die erste Auflage von 1250 Exemplaren war innerhalb weniger Stunden vergriffen und löste bekanntlich eine gewaltige Diskussion aus (die einige Leute bekanntlich bis heute nicht für abgeschlossen halten). Zwar sah auch Darwin den Menschen durchaus „an der Spitze der ganzen organischen Stufenleiter“ stehen, doch war diese herausgehobene Position des Menschen seiner Meinung nach Ergebnis einer langen Entwicklung und offenbar nicht, wie bis dahin selbstverständlich angenommen, der göttlichen Entscheidung im Rahmen des Schöpfungsaktes zu verdanken. Diese aktive Rolle der Menschheit innerhalb des menschlichen Entwicklungsprozesses ist für Darwin jedenfalls Grund genug, auch den weiteren Weg des Menschen optimistisch zu betrachten.

Im dritten Essay, „Wir, die andern und das Leben“ befasst sich Werner-Felmayer mit der vermeintlichen „Entschlüsselung“ des menschlichen Genoms und ihren Folgen. Während sich heute nationale Ethikräte mit der Frage befassen, was in der Genetik erlaubt und was verboten sein soll, versprechen private Unternehmen den Menschen bereits Einblicke nicht nur in die eigene, sondern auch in die Zukunft ihrer Kinder. Doch bislang ist tatsächlich nur ein kleiner Teil des genetischen Materials entschlüsselt, die Funktion großer Teile des Humangenoms (98% wird als „junk“, also als Abfall bezeichnet) wurde noch gar nicht tiefer gehend erforscht. Teile dieses „Abfalls“ haben z.B. regulatorische Funktionen und sind dafür zuständig, die Umschreibung von Genen in Proteine auszulösen oder auch zu hemmen.

Wenn heute also von der Genindustrie verkündet wird, dass uns der Blick in unsere persönliche Genstruktur Erkenntnisse über unsere individuellen Potentiale und Risiken ermöglicht, so ist dies nur zu einem kleinen Teil wahr. Denn tatsächlich ist unser Genom zu 98,6% mit dem des Schimpansen und zu 99,9 % mit dem des Neandertalers identisch. Wie identisch wird es dann erst mit dem unseres Nachbarn sein? Und wollen wir das wirklich wissen?

So hat man bei aller „Entschlüsselung“ das Gefühl, dass die entscheidenden Fragen von der Genindustrie gerade nicht beantwortet werden: Was macht das Individuum aus? Was ermöglicht es uns, aus unserem genetischen Erbe das Beste zu machen? Warum sind so viele Menschen der Überzeugung, es könne sie glücklicher machen, schon im voraus zu wissen, ob sie oder ihre Kinder einmal Krebs haben werden?

Es sind in diesem Band drei Arbeiten versammelt, die sich – im weitesten Sinne – alle mit Fragen der Evolution und der Stellung des Menschen im Verhältnis zum Rest der Natur beschäftigen. Zunächst geht es um Darwin selbst, um seine Reise mit der Beagle und die Erkenntnisse, die er – zum Teil erst nach gründlicher Auswertung seiner mitgebrachten Proben – daraus zog und dann doch erst mehr als zwanzig Jahre später veröffentlichte. Der mittlere, sehr kurze Text handelt von der bemerkenswerten Neigung des Menschen, seine Mit-Lebewesen systematisch zu benennen und dabei häufig sein tiefes Misstrauen ihnen gegenüber in die Namensfindung einfließen zu lassen.

Im dritten Essay schließlich erörtert Gabriele Werner-Felmayer nicht nur die Chancen und Risiken der aktuellen Genforschung, sondern vor allem auch das Verhältnis von Realität und Fiktion auf diesem Gebiet. Dieser Essay ist von den drei besprochenen sicher der geradlinigste und am wenigsten verspielte Text. Die widerstreitenden Interessen von schnellen Marketingstrategien auf der einen und langwieriger, seriöser Grundlagenforschung auf der anderen Seite sind Werner-Felmayer zufolge gerade im Bereich der Genforschung ethisch und medizinisch nicht ungefährlich.

Werner-Felmayer will mit diesem Buch zum Innehalten und Nachdenken anregen, sie fordert mehr Vertrauen in das eigene Wissen, in die Individualität und steht der Normierungswut der modernen Gesellschaft skeptisch gegenüber. Gleichzeitig bleibt sie optimistisch – wie Charles Darwin.

Heike Friesel
Juni 2008



  
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