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„Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.“ So unmittelbar betroffen schreibt Goethe nach überstandener eigener Krankheit und Schillers Tod 1805 an den Komponisten Karl Friedrich Zelter. Sein Bündnis mit Schiller war schon zu ihren Lebzeiten ein Mythos, als Dioskuren, als Zwillingsbrüder im Geiste prägten beide die wohl bedeutendste Epoche der deutschen Literatur, die Zeit der Klassik (etwa 1790-1830). Noch heute ist diese Ära so unauflöslich mit ihrem gemeinsamen Wirken verknüpft, dass die Verbindung im Nachhinein so unerschütterlich und ehern erscheint wie Ernst Rietschels berühmtes Doppeldenkmal auf dem Weimarer Marktplatz.
Dabei konnte von Gleichrangigkeit zunächst keine Rede sein, wie Rüdiger Safranski in seinem 2009 erschienenen Buch Goethe & Schiller. Die Geschichte einer Freundschaft beschreibt. Als Goethe mit dem Weimarer Herzog Karl August 1779 in Stuttgart dem Stiftungsfest der Hohen Karlsschule beiwohnt und es zu einer ersten Begegnung kommt, ist der Dichter des Götz von Berlichingen und der Leiden des jungen Werther schon ein bekannter Mann, Schiller noch ein Schüler der von Karl Eugen von Württemberg begründeten Lehranstalt. Und so will er nur einen Blick Goethes erhaschen, der freilich keine Notiz von ihm nimmt. Gleichwohl hat Schiller selbst schon die Schriftstellerlaufbahn eingeschlagen – sein Stück Die Räuber ist fast fertig, zwei Jahre später wird es veröffentlicht, 1782 mit triumphalem Erfolg in Mannheim uraufgeführt. Als der Herzog ihm jede weitere derartige Betätigung verbietet, entscheidet er sich zur Flucht.
Hier also der in Weimar bestens versorgte Hofrat und Erfolgsschriftsteller, dort der mittellose Vaterlandsflüchtling – trotz dieser so unterschiedlich verlaufenden Lebenslinien erkennt Safranski schon erste Anzeichen späterer Überschneidungen und Übereinstimmungen. Denn auch Goethes Flucht über die Alpen, seine Italienische Reise, sei ein Akt der Befreiung gewesen, ein Schritt hin zur selbst bestimmten Existenz. Überhaupt scheint der Autor dieser Doppelbiographie gleichsam bei seinen Protagonisten in die Schule gegangen zu sein, denn er entwirft die Geschichte und Vorgeschichte ihrer Freundschaft als klassischen Bildungsroman, in dem beide Dichter auf eine höhere Stufe und damit gewissermaßen erst zu sich selbst kommen.
Zuvor nähern sich die Lebenskreise der späteren Dichterfreunde immer weiter an. Noch bevor Goethe 1788 aus Rom zurückkehrt, zieht auch Schiller nach Weimar, in jenes Miniatur-Athen, in dem sich damals die geistige Elite Deutschlands versammelte, und wird wenig später Professor für Geschichte in Jena. Safranski schildert anschaulich, wie schwierig die persönliche Annäherung zunächst verläuft, wie misstrauisch Goethe bleibt, wie wenig anfangs darauf hindeutet, dass sich hier zwei Freunde gefunden haben. Es ist eine Geschichte von Anziehung und Abstoßung. Schon ihre publizistischen Absichten unterscheiden sich deutlich genug: Schiller geht es von Anfang an um Wirkung, um Öffentlichkeit, er sieht sich als Berufsschriftsteller, während Goethe zunächst noch für einen kleinen Kreis von Gebildeten schreibt.
Diese abweichenden Ansichten, ihre differierenden Auffassungen der Natur, der künstlerischen Arbeit, der Französischen Revolution stehen zwischen ihnen, als sie sich 1788 das erste Mal in Weimar begegnen. Schiller beneidet Goethe um seine angeblich leichten Erfolge, sieht in ihm den Konkurrenten und schreibt am 9. März 1789 an seinen Freund Christian Gottfried Körner: „Dieser Mensch, dieser Goethe ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, dass das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und wie muss ich bis auf die Minute kämpfen!“ Nach dieser Enttäuschung („ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden“) kommt es erst im Sommer 1794, nach einer Einladung zur Mitarbeit an Schillers Zeitschrift Die Horen, zum „glücklichen Ereignis“ des wirklichen Kennenlernens, das mit einem Gespräch über die „Metamorphose der Pflanzen“ seinen Anfang nimmt.
Man erfährt Näheres über die Umstände des nun entstehenden Freundschaftsbundes, die Anteilnahme an den Projekten des anderen, dass Schiller etwa alle eben geschriebenen Passagen des Wilhelm Meister vorgelegt bekommt (und umgekehrt Goethes Rat für den Wallenstein einholt), Schiller Goethes Egmont (nicht nur zur Zufriedenheit des Autors) für das Theater einrichtet, Goethe den Wilhelm Tell-Stoff Schiller überlässt, sie gemeinsam die so genannten zahmen und die weniger zahmen Xenien verfassen, Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten als versteckte Antwort auf Schillers Ästhetische Briefe zu verstehen sind. Die Genese der Werke, die Entstehung von Literatur, ihre Verankerung in der Zeit wird hier sichtbar und nachvollziehbar – und doch geht es nicht nur um hochfliegende Geistespläne, sondern auch um schlichtere Vergnügungen und Sorgen, um Krankheiten und Kuren, um gemeinsame Ausfahrten und Mahlzeiten, um Geldnöte und berufliche Querelen, also um das Leben selbst.
Und Safranski belässt es auch nicht bei der Nacherzählung längst bekannter Fakten. Seine schon in früheren Büchern, den großen Biographien zu Schopenhauer, E.T.A. Hoffmann, Nietzsche, Heidegger und Schiller, den Untersuchungen über das Böse und die Romantik bewiesene Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge und Entwicklungen einfach und plastisch darzustellen, trägt auch dieses Buch. Herder und Wieland, Frau von Stein und Madame de Staël, die Brüder Schlegel und Humboldt, Schelling, Hölderlin und Fichte werden nicht zu Zeitgenossen des Lesers, aber sie werden lebendig.
Safranski ist kein unbeteiligter, objektiver Beobachter, er wertet und urteilt und wendet sich auch gegen gängige Einschätzungen der Philologie: Goethes ob seiner Komplexität viel gelobtes und gedeutetes Märchen ist für ihn nur ein „Spielwerk zur Herstellung von Interpretationen, eine Art höheres Kreuzworträtsel“, Schillers und Goethes Spottverse auf ihre Kontrahenten und die literarischen Zustände erscheinen ihm „von heute aus gesehen [...] recht harmlos und matt. Man kann sich schwer vorstellen, worüber die beiden bei ihrer Verfertigung so schallend gelacht haben sollen.“
Goethes und Schillers Bund ist für Safranski gleichsam „eine praktische Probe aufs Exempel der Bildungsidee im Zeitalter der deutschen Klassik“ – mit seinem Buch ist ihm jedoch viel mehr gelungen als die Chronik dieser Freundschaftsverbindung: Ein höchst lebendiges, elegant geschriebenes Epochenporträt, das dem Kenner wie dem mit den Weimarer Verhältnissen nicht so Bewanderten Vergnügen bereiten dürfte. Und das nicht zuletzt einlädt, die Werke der Klassiker wieder zu lesen.
Matthias Weichelt
August 2010
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