Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Barbara Warning
Kindheit in Trümmern

Roman

Kindheit in Trümmern

Vor 71 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Er hinterließ 55 Millionen Tote weltweit, den europäischen Kontinent in Trümmern, unzählige Heimatlose und Millionen verwundete und traumatisierte Menschen. Wenn wir etwas über diesen Krieg erfahren wollen, können wir die Menschen, die ihn erlebt haben, noch fragen. Zumindest die, die damals jung waren. Die Psychotherapeutin Barbara Warning hat das getan und die Schicksale von 21 so genannten „Kriegskindern“ aufgezeichnet. Kindheit in Trümmern heißt ihr Sachbuch für Jugendliche. Sehr schnell stellt sich heraus: Dieses Buch erzählt nicht nur von diesem einen Krieg, sondern vom Krieg an sich. Die Erfahrungen der Kinder sind absolut vergleichbar mit den Erfahrungen der Kinder in den heutigen Kriegsgebieten, ob in der Ukraine oder in Uganda, in Somalia oder Syrien.
 
Und niemand kann besser vor dem Krieg warnen als die, die ihn selbst erlebt haben. Es sind dramatische, schreckliche und manchmal auch hoffnungsvolle Kindheitsgeschichten, die uns Barbara Warning erzählt. Geboren wurden diese Kinder vor oder in den Wirren des Zweiten Weltkrieges, sie erlebten Hunger, Bombenhagel und die Angst vor dem Tod. Viele mussten flüchten mit dem, was sie auf dem Leib trugen, unermessliches Leid vor Augen. Andere überlebten in zerbombten Städten. Und alle tragen noch heute die Wunden ihrer Kindheit, die häufig erst aufbrechen, wenn diese Menschen ins Rentenalter kommen. Wer diese Geschichten liest, kann sich vorstellen, dass auch die Kriegskinder von heute in 50 Jahren noch unter den Traumata ihrer Kindheit leiden werden.
 
Jedes Kinderschicksal ist ein Einzelschicksal und hinterlässt ganz individuelles Leid. Und doch gibt es eine Menge Gemeinsamkeiten. Barbara Warning hat die Lebensgeschichten der Kriegskinder und damit die Realität von damals vorsichtig in verschiedene Gruppen eingeteilt. Sie berichtet von verloren gegangenen Kindern, über das Leben in den Besatzungszonen und DP-Camps, über die abwesenden Väter oder das Lernen in Ruinen. Klar, dass es da Überschneidungen gibt, aber das ist unwichtig. Wichtig ist ihr, dass endlich, nach der Aufarbeitung des Holocaust, auch über die Leiden der Deutschen, besonders der Kinder, gesprochen wird. Und dass die Jugendlichen von heute eine Botschaft mitnehmen: „Nie wieder Krieg!“ Und die sollte immer und überall gelten!
 
Doch es ist kein deprimierendes Buch geworden, was zuerst einmal an der lebendigen Aufmachung und Gestaltung liegt. Barbara Warning erzählt die Geschichten „ihrer“ Kriegskinder mit sachlichem Abstand, aber sensibel und voller Sympathie. Dabei kommen die Betroffenen selbst immer wieder zu Wort. Ergänzt werden die Einzelschicksale durch allgemeine Exkurse und Erklärungen. Dazu kommen viele persönliche Dokumente und erschütternde Fotos, ein kluges Vorwort und ein geschichtlicher Überblick über die Zeit von 1932 bis 1990.
 
In Deutschland wird inzwischen die dritte Nachkriegsgeneration geboren, für die ein freier und freundschaftlicher Umgang mit ihren europäischen Nachbarn selbstverständlich ist. Frieden ist aber alles andere als selbstverständlich, eigentlich ist er Luxus. Er bedarf harter Arbeit gegen religiöse Vorurteile und kulturelle Abgrenzungen. Weil nur im Wissen, wie furchtbar ein Krieg ist, vermieden werden kann, den Frieden aufs Spiel zu setzen. Wenn also die Chance besteht, den Erzählungen derer zuzuhören, die den Krieg erlebt, aber nie davon erzählt haben, sollten wir sie nutzen. Egal, ob er in Europa stattfand, in Südamerika oder im Nahen Osten.
 
Sylvia Schwab

Von Sylvia Schwab, 14.06.2016

​Sylvia Schwab ist Hörfunkjournalistin und hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Sie ist Jurorin bei den "Besten 7" von Deutschlandfunk und Focus und arbeitet für den Hessischen Rundfunk, den Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur.