Sparte: Sachbuch

Jörg Baberowski
Räume der Gewalt

Sachbuch

Gewalt ohne Ende?

Können wir auf eine friedliche Zukunft hoffen? Seit der Aufklärung haben Philosophen von Immanuel Kant bis Karl Marx Fortschrittsnarrative entworfen, die die Einhegung von Gewalt versprechen. Noch im düsteren Jahr 1939 hat Norbert Elias mit Der Prozess der Zivilisation die Geschichte eines solchen Fortschritts erzählt und bleibt weiterhin mit diesem Geschichtsbild kaum allein: Im vielbeachteten Buch Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit (2011) bejahte der Psychologe Steven Pinker erneut die Frage nach einer friedlichen Zukunft, indem er auf historische Fortschritte hin zur Gewaltlosigkeit verwies.

Mit diesem Versprechen aufräumen will der Berliner Osteuropahistoriker Jörg Baberowski in seinem neuesten, kompakten Buch Räume der Gewalt. Ein Blick in die reichhaltige und bis in die Gegenwart reichende Geschichte menschlicher Gewalterfahrungen und –praktiken erweise eine einfache anthropologische Wahrheit: Der Mensch ist ein Gewaltwesen. Die geschichtliche Empirie zeige, dass Menschen in den unterschiedlichsten Epochen und Konstellationen Gewalt ausüben – und dass Gewalt stets mehr Gewalt produziert. Profiteure solcher Situationen, in denen Grausamkeit nicht mehr sanktioniert wird, lassen diese zur Normalität werden, und dabei müssen diese „Gewaltexperten" nicht einmal Psychopathen sein. Einmal sozial enthemmt, verletzen, foltern und töten wir aus vielen Motiven - nicht allein aus Sadismus oder Machtstreben, sondern beispielsweise auch zur Pflichterfüllung. Die „Zivilisation" wirkt hier allenfalls verlangsamend, oft aber auch verstärkend, wie gerade die Extreme und Grausamkeiten der jüngsten Vergangenheit zeigten: Die Gewalt sei „in ihrer Vernichtungspotenz [...]zum Signum des 20. Jahrhunderts geworden." Jörg Baberowski glaubt nicht an den Fortschritt, ist aber ebenso wenig Dekadenztheoretiker: „Der Mensch [...] ist niemals ein anderer gewesen."

Eine besondere Rolle spiele hier der Raum. Immer wieder täten sich „Räume der Gewalt" auf, die weiter Gewalt hervorbringen und gestatten – von der Kolonie über das Konzentrationslager bis hin zur vom Terror geschüttelten Region. Baberowskis Hintergrund als Kenner des Stalinschen Terrors kommt hier zum Tragen: Die tiefen Abgründe der Geschichte der Gewalt kennt er gut, und er weiß sie in oft erschütternder Eindringlichkeit und Anschaulichkeit zu beschreiben. In seinem Fokus auf das Zufügen und Erleiden von Schmerz („[W]enn niemand Schmerzen hat, gibt es auch keine Gewalt") legt Baberowski, gerade im Vergleich zu anderen Gewaltsoziologien, gleichzeitig einen engen Gewaltbegriff an: Von struktureller oder epistemischer Gewalt, von Gewalt ohne konkreten Täter will er nichts wissen, sondern betont die Unmittelbarkeit der Täter-Opfer-Beziehung. Damit setzt er sich bewusst von der jüngeren Ausweitung des Gewaltbegriffes ab – verpasst aber damit möglicherweise auch wichtige Einsichten zur Gewalt in komplexen sozialen Ordnungen, in denen direkte physische Brutalität verpönt ist, indirektere Formen aber zulässig sind.

Freilich sind nicht alle Räume und Epochen gleichermaßen gewalttätig, wie Baberowski differenziert: Es gibt Möglichkeiten der sozialen und politischen Ordnung, die die Gewalträume am Entstehen hindern und Grausamkeit präventiv sanktionieren. Absolute Sicherheit vor dem Abrutschen in die Normalität der Gewalt gibt es aber nicht, denn auch die Ordnungen der Sicherheit können in ihr gewaltsames Gegenteil umschlagen: Der Staatstheoretiker Thomas Hobbes habe im 17. Jahrhundert jene Möglichkeit des Staatsterrors verschwiegen, die das 20. Jahrhundert und wohl auch unsere Gegenwart so unzweifelhaft prägt.

Obwohl das schmale Buch gut verständlich geschrieben ist, ist es – gerade aufgrund seiner Anschaulichkeit – eine herausfordernde Lektüre: Baberowski lässt Zeugen der schlimmsten Gewaltmomente der jüngeren Geschichte ausführlich zu Wort kommen, von Ruanda bis Auschwitz. Doch es ist, trotz allen Pessimismus, auch eine aufrüttelnde Lektüre mit politisch wichtigen Implikationen. Nur dann nämlich, wenn wir die ständige Möglichkeit des Schlimmsten anerkennen, können wir ihr entgegenwirken: Durch das Verschließen von Räumen der Gewalt, wo immer sie sich gerade auftun.
Eva Marlene Hausteiner

Von Eva Marlene Hausteiner, 22.08.2016

Dr. Eva Marlene Hausteiner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Politischer Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet zu Fragen imperialer und föderaler Ordnungen. 2015 erschien ihr Buch Greater than Rome. Neubestimmungen britischer Imperialität 1870-1914 (Campus Verlag).