Sparte: Belletristik

Ulrike Edschmid
Das Verschwinden des Philip S.

Roman

Buchbesprechung

Im Mai 1975 kam der 28-jährige Schweizer Unternehmersohn Philip Werner Sauber bei einem Schusswechsel mit der Polizei auf einem Kölner Parkplatz ums Leben. Er stand im Verdacht, an einer Politiker-Entführung beteiligt gewesen zu sein; später stellte sich heraus, dass er zur Tatzeit unter falschem Namen in einer Kölner Fabrik gearbeitet hatte. Die Biografien derjenigen, die in den „bleiernen“ Siebzigerjahren zur linksmilitanten Szene Westdeutschlands gehörten, kennt man bislang aus der Perspektive zeitgeschichtlicher Analysen, aus der Sicht noch lebender Sympathisanten oder aus den Berichten von „Aussteigern“. Auch gibt es Versuche einer epischen Aufarbeitung der Ereignisse in Film- oder Romanform.

Jede dieser Annäherungen liefert Puzzleteile zur Beantwortung der Frage, wie und warum der politische Widerstand in der Bundesrepublik sich damals derart radikalisierte, auf welchen Wegen die Verfechter eines gesellschaftlichen Aufbruchs zu Gewalttätern mutierten. Ulrike Edschmids Erinnerungsbuch „Das Verschwinden des Philip S.“ fügt dem Puzzle einige Partikel hinzu, die eher Hinweise als Antworten sind, aber auf subtile Weise jener Frage, die jederzeit wieder aktuell werden könnte, neue Dringlichkeit verleihen.

Die Schriftstellerin Ulrike Edschmid ist die Frau, mit der Philip S. nach seiner Ankunft in Westberlin 1967 vier Jahre zusammenlebte und noch länger eng verbunden blieb. Als die beiden einander begegneten, im Flur der Berliner Filmakademie, war er 20, sie sieben Jahre älter. Es muss ein coup de foudre gewesen sein, denn Philips Angebot, der alleinerziehenden Mutter beim Umzug zu helfen, mündete umstandslos in das Projekt des gemeinsamen Wohnens.

Der junge Mann aus Zürich ist unter den Kommilitonen eine auffallende Erscheinung: Er trägt Nadelstreifen, Hemden mit Monogramm, einen langen schwarzen Mantel, handgenähte Schuhe. Er ist ein bedächtiger Mensch, ein Feingeist und Ästhet. An der Filmakademie gehört er zur Fraktion der „Formalisten und Leinwandpoeten“; sein Experimentalfilm „Der einsame Wanderer“ kombiniert extreme Verrätselung mit Musik von Schubert und Brahms. Sein Elternhaus aber, eine Villa am Zürichsee, ist eine „eiskalte Festung“, in der Kunst und Kultur nichts gelten und Reichtum alles.

Philip S. zieht mit der Autorin in eine Kommune, er kümmert sich liebevoll um ihren Sohn. Gemeinsam engagiert man sich in der Kinderladen-Bewegung, gemeinsam reist man nach Italien, das damals ein Land auch politischer Verheißungen war. Dann aber setzt jene schleichende Veränderung ein, auf die sich der doppelbödige Titel „Das Verschwinden des Philip S.“ bezieht: Der Filmstudent verwandelt sich schrittweise und planvoll in den Terroristen, der dann auf Fahndungsplakaten „Werner Sauber“ heißen wird. Er tilgt alle Merkmale seiner Persönlichkeit und taucht ab in den bewaffneten Untergrund, die konspirative Anonymität derer, die glauben, erstarrte Verhältnisse mit Gewalt aufsprengen zu können. Seine Partnerin folgt ihm bis zu einer gewissen Grenze, entscheidet sich dann aber für das Leben, für ihr Kind. Als er stirbt, hat sie seit drei Jahren den Kontakt zu ihm verloren.

Jenseits von Schuld- oder Rechtfertigungsrhetorik, in einer klaren, nüchternen Prosa, zeichnet Ulrike Edschmid das Psychogramm eines Menschen, der seine künstlerischen Ambitionen durch einen vermeintlich „heroischen Auftrag“ ersetzte. Auf knappstem Raum entsteht dabei das atmosphärische Porträt einer Epoche, an der vieles unbegriffen geblieben ist, und das Protokoll einer Tragödie, die nicht nur eine individuelle Liebesbeziehung betraf, sondern eine ganze Gesellschaft. 
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 18.02.2014

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.