Sparte: Belletristik

Christoph Hein
Glückskind mit Vater

Roman

Die Last der Herkunft und die Fallstricke des Glücks

Dass er ein Glückskind ist, erfährt Konstantin Boggosch, der Held in Christoph Heins neuem Roman, von seiner Mutter. Nur weil sie mit ihm schwanger war, sei sie nach Kriegsende von den sowjetischen Soldaten glimpflich behandelt worden, als man sie streng verhörte und mit ihren Söhnen aus dem eleganten Haus vertrieb. Dass sie überhaupt in so große Bedrängnis geriet, lag an ihrem Mann, Konstantins Vater, der das weitere Leben des Glückskinds überschatten, dieses wie ein böser Dämon verfolgen wird. Denn Gerhard Müller, so der eigentliche Familienname, war nicht nur Eigentümer der stetig wachsenden Vulcano-Werke, sondern auch ein überzeugter Nationalsozialist und Kriegsverbrecher, der nach der deutschen Niederlage in Polen hingerichtet wurde.

Wie unterschiedlich man mit einem so belasteten Vermächtnis weiterleben kann, erfährt Konstantin in der eigenen Familie – seine Mutter sagt sich von ihrem Mann los, nimmt wieder ihren Mädchennamen an und versucht, ihre beiden Kinder von dem dunklen Erbe fernzuhalten, indem sie ihnen Fremdsprachen beibringt und sie in einem anderen Geist erzieht. Gunthard, der Ältere, ist jedoch fasziniert von diesem unbekannten Vater, seiner einstigen Macht und Geltung, die in der kleinen ostdeutschen Stadt immer noch spürbar ist. Konstantin hingegen ist bedrückt von dessen Schuld, will das „Vatermal" loswerden, der Schreck- und Spukgestalt entkommen, die ihn zunehmend verfolgt. Damit beginnt eine Flucht, die ihn immer wieder mit dem konfrontieren wird, was er eigentlich hinter sich lassen, was er auslöschen möchte. Die Last der Herkunft wird nicht kleiner, sondern nimmt mit jedem Schritt auf diesem Lebensweg zu.

Der 1944 geborene, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Christoph Hein zählt nicht nur zu den renommiertesten deutschen Autoren, er hat sich in seinen Theaterstücken, Prosatexten und Essays auch immer wieder mit den Verwerfungen der Geschichte, ihren Auswirkungen auf individuelle Schicksale auseinandergesetzt. Sein jüngster Roman erzählt das Leben seines Protagonisten als letztlich scheiternden Versuch, aus den Schatten der Vergangenheit herauszutreten, indem man vor ihnen davonläuft.

Noch nicht volljährig, fasst Konstantin Boggosch den radikalen Plan, seine Stadt, sein Land zu verlassen und in die Ferne zu gehen, dorthin, wo ihn niemand kennt, und sich, als äußersten Schritt der Lossagung, der Fremdenlegion anzuschließen. Tatsächlich gelingt es ihm, sich Ende der fünfziger Jahre bis nach Marseille durchzuschlagen, wo er aber erkennen muß, wie sehr sich diese militärische Organisation von seinem idealisierten Bild unterscheidet. Stattdessen lernt er einen alten Antiquar kennen, der ihn als Übersetzer und Boten einstellt und bald auch mit seinen Freunden bekannt macht, für die der Jugendliche ebenfalls zu arbeiten beginnt. Doch selbst hier, so fern der Heimat, holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Denn die Marseiller Freunde gehörten während des Krieges einer Widerstandsgruppe an, die verraten und verhaftet wurde. Aus ihren Erzählungen aus der Lagerzeit, den Mißhandlungen durch einen „Vulkan" genannten SS-Mann glaubt Konstantin eine Schilderung seines Vaters herauszuhören. Aus Scham und aus Sorge, die Kameraden könnten in ihm den Sohn ihres früheren Peinigers erkennen, verläßt er Frankreich und kehrt in die DDR zurück.

Doch das Rad der Geschichte hat sich inzwischen weitergedreht. Der Bau der Mauer erschwert seine Rückkehr, der lange Auslandsaufenthalt macht ihn verdächtig. Was ihn treibt, ist die Hoffnung, daß mit dem Weggehen auch die Spur zu seiner Herkunft verwischt sei: „Niemand wußte von meinem Vater, ich konnte ihn vergessen. Ich konnte ihn löschen. Auslöschen. Austilgen. In einem Nie-Wieder ablegen." Doch die Hoffnung erweist sich als trügerisch. Bei allen Versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen, seinen kreativen und pädagogischen Begabungen zu folgen, als angehender Filmstudent oder Direktor einer Schule, wird die längst aktenkundige Familiengeschichte zum Fallstrick, läßt jene Türen wieder zufallen, die sich dem Glückskind zuvor geöffnet hatten. Was mit der Zuversicht begonnen hatte, durch Engagement und Einsicht die fatale Vergangenheit hinter sich lassen zu können, endet in Verzweiflung und Resignation: „Ich weiß, ich bekomme diesen Vater, dieses Erbe nicht los. Ich kann mich nicht frei machen, ich bin nicht frei. Seinetwegen. Seinetwegen habe ich keine Kinder, ich will es nicht. Ich hatte Angst, daß sich etwas fortsetzt. Ich wollte keine Kinder, weil ich Angst vor dem Bösen hatte, vor den Geistern meines Vaters. (…) Ich habe Angst, daß der Dämon durch mich am Leben bleibt."

Mit seinem sehr persönlichen Buch „Glückskind mit Vater", das auch Bezüge zu seiner eigenen Biographie enthält, ist Christoph Hein ein virtuoser Roman über individuelle und kollektive Verdrängung gelungen, eine souveräne literarische Erkundung von Freiheit und Schuld und den Grenzen des Glücks. Und ein Lehrstück darüber, daß die Vergangenheit auch ein Spinnennetz sein kann, in dem man sich immer stärker verfängt, je mehr man sich daraus zu befreien versucht.
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Von Matthias Weichelt, 08.11.2016

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".