Sparte: Sachbuch

Ulrich Raulff
Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung

Sachbuch

Was sind wir Menschen ohne Pferde?
Ulrich Raulffs meisterhafte Geschichte eines lange unzertrennlichen Gespanns

Nein, es ist nicht der Hund, der Esel, der Falke, die Biene, das Schaf, das Kamel oder die Kuh. In der jahrtausendealten Runde der domestizierten Tiere hat der Mensch den wichtigsten nichtmenschlichen Pakt mit dem Pferd geschlossen, schreibt Ulrich Raulff in seinem glänzend erzählten Buch über „Das letzte Jahrhundert der Pferde". Weshalb das letzte? Im Verlauf des „langen" 19. Jahrhunderts, das von Napoleon bis zum Ersten Weltkrieg reicht, trennen sich im modernisierten Europa auch die Wege von Mensch und Pferd, lautet der Grundgedanke des Historikers: Mit dem Aufkommen der Maschinen hat der natürliche Motor Pferd zunächst einmal ausgedient; gleichzeitig ist das Pferd aber auch ein „Agent der Modernisierung", das den technischen Aufschwung, der zu seinem eigenen Abschwung führt, entscheidend mitorganisiert – vor die Maschinen gespannt, die das neue Zeitalter einleiten.

Die „Geschichte einer Trennung", so der Untertitel der weit ausholenden Pferdestudie, zieht sich durch alle existenziellen Bereiche des menschlichen Lebens, von ökonomischen, technologischen, politischen und kulturellen Fragen bis hin zu psychischen Bindungen, die sich ins Ungewisse verschieben, seit der Mensch seinen wichtigsten nichtmenschlichen Ansprechpartner verloren hat. Natürlich gibt es den Reitsport und die Pferdezucht, intelligente Säugetiere werden als Therapie- und Freizeittiere gebraucht, und nicht zuletzt ist die Zahl der Pferde in Europa nach einem historischen Tiefstand in den 1970ern wieder angestiegen; und doch, so Raulff, hat sich etwas Grundsätzliches verändert. Der „kentaurische Pakt", der über Jahrtausende Bestand hatte, gilt in dieser Form nicht mehr – zumindest in Europa. Mit der Technologisierung der Landwirtschaft hat ein zentrales Nutztier seinen Job verloren, und seit Herrscher nicht mehr auf Pferden einherreiten, ist auch ein wichtiges Insignium politischer Macht verschwunden.

Den „kentaurischen Pakt" und seine langsame Umwälzung unterteilt Raulff in vier systematische Felder. Zunächst fassen die „Realgeschichten" den Alltag von und mit Pferden als Energielieferanten zusammen, in den Städten und auf dem Land, von den Kutschern in Paris bis zur Erfindung der Mähmaschinen in der Landwirtschaft. In einem zweiten Schritt widmet sich der Band den „Wissensgeschichten": Medien wie die Fachbücher der Züchter, Literatur und Malerei, Orte wie das Gestüt und die Rennbahn, soziale Gruppen wie Tierärzte und Militärs, Praktiken wie Training und Zucht (und damit nicht zuletzt der zentrale Einfluss des arabischen Pferdes) rücken in den Fokus. Das dritte Kapitel gilt den „Metaphern- und Bildergeschichten", den Darstellungen also, in denen „das 19. Jahrhundert seine Vorstellungen von Macht, Freiheit, Größe Mitleid und Terror entwickelt hat" – von Napoleon bis Nietzsche, von den erotischen Nebenbedeutungen des Reitens und der Peitsche bis zum Mitleid mit den schrecklich verendeten Pferden des Ersten Weltkriegs. Im abschließenden vierten Kapitel erzählt Raulff „Historien" von Pferden und Menschen – und dreht die Blickrichtung um. Nach den drei großen Feldern „Energie, Pathos, Wissen" soll es im vierten darum gehen, „was das Pferd uns lehrt". In den hier versammelten Pferdegeschichten, die den Begriff „Sattelzeit" des Historikers Reinhart Koselleck, die neuen Methoden der Archäologie wie auch Geschichten von Indianern und Cowboys umfassen, kommt der ausführliche, empathisch pferdefreundliche Erzählduktus dieses Bandes vielleicht am besten zum Ausdruck.

Ganz allgemein geht es Raulff, dessen Publikationen über den George-Kreis und die Theoriegeschichte der 1970er zuletzt große Erfolge feierten, gerade nicht um die eine, zentrale „history", sondern um dezentrale „horse stories", auch wenn ein gewisser Fokus auf wichtige, weiße Männer zu Pferd (Napoleon) dennoch bestehen bleibt. Auch der Anteil der Frauen – die „her story" im Pferd-Mensch-Gespann – wird zwar bedacht, hätte aber durchaus noch umfangreicher ausfallen können; die mythologisch und psychologisch so einflussreiche Schreck- und Lustfigur der berittenen Amazone etwa beschreibt Raulff in einem Unterkapitel, das den Titel „Kleine Amazonen" trägt. Vor allem aber, und hierin liegt das große Verdienst dieser so eleganten wie lesbaren Pferdegeschichte, macht Raulff die Dialektik vom Verschwinden und Wiederauftauchen sichtbar. Während die Pferde im 19. und frühen 20. Jahrhundert scheinbar lautlos aus dem realen Alltag verschwinden, tauchen sie in den Träumen und Texten, auf den Bildern und Kinoleinwänden umso machtvoller wieder auf. In einem Prozess der Sublimation werden Pferde „zu Gespenstern der Moderne".

„Was aber geschieht, „wenn der wichtigste nicht-menschliche Körper, in dem die Menschen sich so lange Zeit erkannt und verkannt haben, ihr alter Begleiter, ihr Freund, nicht mehr da ist?", fragt Raulff. Und verweist selbst darauf, dass Pferde nicht gänzlich verschwunden sind. Denn sie sind ja nicht nur als Gespenster da, sondern existieren nach wie vor um uns herum in ihrer vollen, anschaulichen Pferdeleiblichkeit. „Das letzte Jahrhundert der Pferde" mag in vielerlei Hinsicht ein Rückblick sein, öffnet aber zugleich die Augen für ein anderes Geschichtsverständnis – und für den Menschen als lebendiges Wesen, das von anderen Körpern umgeben ist. Geschichte wird gemacht, aber eben nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren: „Das Pferd, sechstausend Jahre lang unser Beweger, ist immer noch ein großer Beweger unserer Erkenntnis: unser Freund, unser Gefährte, unser Lehrer."
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Von Jutta Person, 10.11.2016

Jutta Person ist Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin, sie schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Literaturen" und "Die Zeit". Beim "Philosophie Magazin" betreut sie als Redakteurin das Ressort Sachbücher.