Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Ute Wegmann
Hoover

Roman

Ein Praktikum im wahren Leben – Wie ein vom Alltag gebeutelter Zwölfjähriger das Leben meistert

Zuerst einmal sollte man wissen, warum sich Hoover, der Titelheld in Ute Wegmanns neuem Roman, Hoover nennt – und nicht, wie es in seiner Geburtsurkunde steht, Tim. „Hoover“ ist eine Staubsaugermarke, und wenn Mutter wieder mal ordentlich saugen wollte, rief sie: „Wir haben ja den tollen Hoover!“ Kein Wunder, dass der damals fünfjährige Tim auch ein toller Hoover sein wollte.
 
Eine ganz normale Familie in einer deutschen Großstadt. Bildungsbürgertum. Allerdings mit ein paar Handicaps geplagt, die den Alltag für die einzelnen Familienmitglieder nicht gerade leichter machen: Ein Sohn – Hoover -, der gerade die Umbrüche erleidet, mit denen die Pubertät einen Zwölfjährigen piesackt und die nicht selten dazu führen, dass Jungmann nicht mehr weiß, was oben und unten ist. Zwei ältere Geschwister - dazu noch Zwillinge -, die einem das Leben zusätzlich schwer machen. Offensichtlich glückliche Eltern, die allerdings aus beruflichen Gründen getrennt leben müssen. Der Vater, ein Kunsthistoriker, hat einen Job an der Uni einer fernen Stadt. Und die gute Mutter? Naja, im Augenblick ist sie sehr gestresst, weil sich die langjährige Hausfrau kurz vor der Abschlussprüfung ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin befindet. Da bleibt das offene Ohr für die Sorgen und Nöte der lieben Kinder manchmal lieber geschlossen. Aber dafür gibt es Großvater Kurt, der seit kurzem Witwer ist und für den Sechstklässler Hoover als einziger wahrhaftiger Vertrauter so etwas wie der Fels in stürmischen Gezeiten ist. Leider macht dem alten Mann immer wieder sein schwaches Herz zu schaffen.
 
Natürlich braucht Hoover im relativ geschlossenen System einer Kleinfamilie, selbst wenn es einen liebenswerten Großvater gibt, einen gleichaltrigen Vertrauten. Und ebenso natürlich verfangen sich Hoovers Blicke und Gedanken bei einem Mädchen aus der siebten Klasse. Sie erscheint ihm anders als die anderen. Zumindest vermutet er das, nachdem er sie im Supermarkt beim Diebstahl eines Glases Marmelade beobachtet hat.
 
Das ist die Ausgangssituation, mit deren einzelnen Bestandteilchen Ute Wegmann als souveräne Erzählerin jongliert und balanciert, um sie sukzessive zu einer spannenden und Mut machenden Geschichte mit einem überraschenden Plot zusammenzufügen, ohne den Rahmen der realen Möglichkeiten zu verlassen. Die Autorin entwickelt eine Handlung, die keine Parallel–oder Traumwelten braucht, um den jungen Menschen die Gegenwart lebenswert erscheinen zu lassen. Ohne missionarischen Zungenschlag legt sie die in ihnen schlummernden Fähigkeiten frei und eröffnet vor allem dem vom Leben gebeutelten Hoover Perspektiven, die auf Selbstvertrauen, verlässlicher Freundschaft und gelebter Empathie fußen. Was der Junge anfänglich noch nicht ahnt: Claudine, das Mädchen aus der Siebten - halb Französin, halb Deutsche -, wird seine erste große Freundin, oder vielleicht auch seine erste große Liebe. Was weiß ein Zwölfjähriger schon, dessen Herz vor Aufregung klopft, allein, wenn er an Claudine denken muss?
 
Hoover und Claudine – das wird in Ute Wegmanns Geschichte so etwas wie ein kleines Dream-Team im ersten Praktikumsjahr. Zusammen stellen sie etwas auf die Beine, von dem sie anfangs nicht zu träumen wagten. Damit wollen sie Großvater Kurt zu seinem 79. Geburtstag die Überraschung seines Lebens bescheren. Ob das gut geht? Zumindest ist die Idee bestens geeignet, die Angst vor der eigenen Courage zu überwinden. Mehr soll nicht verraten werden.
 
Ute Wegmann baut aus dem Leben einer trotz vieler Widrigkeiten intakten Familie die kleine Welt einer konkreten Utopie in einer übermächtigen großen Welt, in der lebensfähige Fantasien häufig dem Kosten-Nutzen-Prinzip oder gar dem Prinzip Angst untergeordnet werden.  Man spürt in dieser ruhigen und dennoch spannenden  Geschichte, wieviel erzählerisches Potential allein im Leben einer ganz normal chaotischen Familie steckt. Und man spürt, wie die Autorin ihre Figuren liebt, egal, welche Macken sie haben. Und wer wollte in seinem Leben nicht auch schon einmal ein toller Hoover sein, der die unter und auf dem Teppich liegenden Probleme mit Schwung verschwinden lässt?
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 29.02.2016

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.