Sparte: Belletristik

Peter Stamm
Weit über das Land

Roman

Der Traum vom Verschwinden

Seit seinem Erzählband „Blitzeis", der 1999 erschien, gehört der Schweizer Peter Stamm zu den am aufmerksamsten beobachteten deutschsprachigen Autoren. Stamm, Jahrgang 1963, kam über Umwege zum Schriftstellerberuf und brachte es bald zu anerkannter Meisterschaft in der Kunst des Weglassens und der indirekten Figurenpsychologie. Seine nüchterne, lakonisch klare Sprache, die ohne Helvetismen und weitgehend ohne dekoratives Beiwerk auskommt, macht seine Werke äußerst übersetzerfreundlich. Sein großes Thema sind menschliche Beziehungen, bevorzugt die zwischen Mann und Frau, und immer wieder gelingt es ihm, unter der kühlen, polierten Oberfläche seiner Prosa komplexe und verstörende Wirklichkeiten aufscheinen zu lassen.

So auch in seinem jüngsten Roman „Weit über das Land", dessen Ausgangssituation an die berühmte Erzählung „Wakefield" des amerikanischen Transzendentalisten Nathaniel Hawthorne erinnert. Ein Mann in den besten Jahren, in geordneten Verhältnissen lebend, entschließt sich plötzlich, sein Zuhause zu verlassen und in einer neuen Existenz unterzutauchen, ohne Nachricht von seinem Verbleib zu geben. Anders aber als Mr. Wakefield, der unweit seines Hauses eine Wohnung mietet und dort zwanzig Jahre unerkannt lebt, begibt sich Thomas, Peter Stamms männliche Hauptfigur, auf eine ebenso lange, rastlose Wanderung durch seine Schweizer Heimat. Anders als Hawthornes Held lässt er nicht nur eine Gattin, sondern auch zwei Kinder zurück. Und während jener immerhin gewisse Vorbereitungen für seinen Abgang getroffen hatte, steht Thomas, kurz nach der Rückkehr aus einem harmonischen Familienurlaub, abrupt vom Terrassentisch auf und macht sich auf den Weg ins Ungewisse.

Er geht ohne Abschied, ohne Gepäck, versehen nur mit einer Kreditkarte und etwas Bargeld. Er findet provisorische Unterkünfte und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch; er entfernt sich schließlich immer weiter von der Zivilisation, durchstreift menschenleere Gebirgsgegenden und gewinnt ein neues, emphatisches Verhältnis zur Natur und zum Leben, getragen von der „Freude an einer Zukunft, die nicht vorgegeben war und mit jedem Schritt eine andere Wendung nehmen konnte". Hinter sich gelassen hat er ein träges Wohlstandsmilieu und den Beruf des Buchhalters, Inbegriff festgefahrener Routine, mit dem der Autor eigene Erfahrungen sammeln konnte.

Einfach verschwinden, sich ausklinken, die Identität wechseln und eine andere Daseinsform ausprobieren, möglichst ohne darüber diskutieren oder sich rechtfertigen zu müssen: Diese Vorstellung ist ein literarischer Topos, aber zugleich wohl der geheime Traum zahlloser Mittelklasse-Familienväter in der westlichen Welt. Peter Stamm inszeniert ihn weder als Aussteigerfantasie noch als psychologische Studie: Er beschreibt lediglich präzise und distanziert, was sich ereignet und was dabei in den Beteiligten vorgeht. Denn er folgt nicht nur der Spur des Wanderers Thomas, sondern schildert parallel dazu, mit welchen Strategien dessen Frau Astrid die unbegreifliche Abwesenheit ihres Mannes zu bewältigen versucht.

Der Wechsel der Erzählperspektive liefert jedoch keine Erklärungen oder kausalen Deutungen, sondern führt die Handlung auf einem schmalen Grat zwischen Plausibilität und Surrealität entlang, der den Leser bisweilen schwindeln lässt. Der Ausgang der Geschichte wirft nicht weniger Fragen auf als ihr Beginn. Ein spannender und irritierender, dennoch angenehm leicht zu lesender Roman, geschrieben von einem Spezialisten für die Abgründe unter dem Auffangnetz des komfortablen europäischen Alltags.
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Von Kristina Maidt-Zinke, 10.11.2016

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.