Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Kirsten Boie
Maja Bohn (Illustrator)

Thabo. Detektiv & Gentleman.
Der Nashorn-Fall. Band 1

Miss Marple lässt grüßen –
Die Abenteuer eines jungen Privatdetektivs im Süden Afrikas

Oh yes, very British, indeed, obwohl Kirsten Boie eine renommierte deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin ist und ihr neuester Roman in Afrika spielt. Genauer gesagt: In einem Wildreservat namens Lion Park in einem fiktiven kleinen, vermutlich demokratisch verfassten Königreich nördlich der Südafrikanischen Republik. Dort lebt der muntere und neugierige Junge Thabo. Der verrät uns zwar nicht sein Alter, lässt uns aber an seinem Alltag und an seinen Tagträumen teilhaben. Er erzählt im ersten Band der Krimireihe „Thabo – Detektiv & Gentleman“ mit dem Titel "Der Nashornfall“ von den Abenteuern, die er als kleiner schwarzer Gentleman in seiner Welt erlebt.
 
Umringt von Steppenlandschaft und Gebirgen erstreckt sich Thabos überschaubare Welt zwischen der Touristenlodge am Rand des Reservats, dem Haus der alten britischen Lady Miss Agatha, der Hütte seines besten Freundes Sifiso, dem Polizeiposten von Debedebe und dem Rangerquartier. Dort lebt Thabo bei seinem Onkel Vusi, dem obersten Wildhüter des Parks, seit seine Eltern gestorben sind. Thabos familiäre Vorgeschichte wird im Roman nicht thematisiert, die Autorin erwähnt jedoch im Nachwort die vielen Kinder im Süden Afrikas, deren Eltern an Aids starben. Auch Thabos bester Freund lebt elternlos und sorgt unter kärglichen Umständen, zusammen mit seiner Schwester Hlahla, für zwei kleinere Geschwister. Kein Wunder, dass er sich nicht immer als verlässlicher Kompagnon seines Freundes Thabo erweisen kann, mit dem er eine Leidenschaft teilt, die keiner der Leser in jener Steppenlandschaft vermuten würde: die beiden wären gerne Privatdetektive wie einst Kalle Blomquist in Kleinköping oder – noch besser: wie Miss Marple in St. Mary Mead.
 
Und schon sind wir da, wohin uns Kirsten Boie dramaturgisch geschickt und stilsicher, mit präziser Kenntnis des Milieus und mit großem Einfühlungsvermögen führen will: In eine Welt, in der sich junge Menschen, etwa zwischen acht und zwölf Jahren zu Hause fühlen können – egal, ob sie in Deutschland, Großbritannien oder im Süden Afrikas leben. Denn natürlich ist auch der pfiffige Thabo von den Segnungen westlicher Zivilisation geprägt, auch wenn er ihnen angesichts des Verhaltens der Safaritouristen häufig skeptisch gegenübersteht.
 
Seit er lauschige DVD-Filmabende mit der sympathischen Miss Agatha verbringen darf, versucht er daher, das zu imitieren, was er unter dem Way of Life eines britischen Gentleman oder einer britischen Lady versteht, Vor allem liebt er die Art und Weise, mit der die schrullige Miss Marple knifflige Kriminalfälle mit ihrer ganz eigenen Logik und Menschenkenntnis löst und den Chiefinspector dabei immer ziemlich alt aussehen lässt. – Das müsste doch auf die Situation im Lion Park übertragbar sein, meint Thabo. Schließlich lebt mit Miss Agatha eine alte Lady in der Nachbarschaft, die Miss Marples Schwester im Geiste sein könnte. Und er hat Freunde, die sein Interesse teilen: Sifiso und Emma, Miss Agathas Nichte, die in England zur Schule geht und eben zu Besuch bei ihrer Mutter, der Chefin der Lodge, weilt. Außerdem gibt es noch einen etwas verschlafen wirkenden Polizeichef vor Ort. Bloß, wo sind die Verbrechen?
 
Das erste lässt nicht lange auf sich warten: Im Reservat kommt es zu einem schrecklichen Zwischenfall. Eine Nashornmutter wird getötet, um das pulverisierte Horn als obskures Heilmittel zu verkaufen. Und dann wird auch noch Onkel Vusi als Verdächtiger festgenommen. Das darf doch nicht wahr sein! Thabo und seine Freunde ermitteln auf Hochtouren. Nicht unbedingt konventionell und – ihrer Unerfahrenheit geschuldet - ein bisschen zu munter ins Blaue, aber immerhin im Stil von Miss Marple und ihrem Freund und Helfer, Mr. Stringer. Ob die kriminalistische Spurensuche auf dem Holzweg endet oder der Fall erfolgreich gelöst wird – da lässt uns Kirsten Boie in bester Krimiautorenmanier lange Zeit schmoren.
 
Die Schriftstellerin globalisiert sozusagen mit diesem gewitzten und spannenden britisch-afrikanischen Krimi etwas, das viele junge Menschen in ihrer Abenteuerphase umtreibt: Die Kraft der Fantasie, mit der man in jenem Alter die Wirklichkeit durchdringen, überblicken und begreifen will. Als Forscher, Entdecker, Eroberer und kühner Held. Ausgestattet mit einem Gerechtigkeitssinn, der wohl später nie wieder in dem Maße das Handeln motiviert. – Kirsten Boie bringt ihre ganz normalen kleinen Helden in einer gut ausbalancierten Mischung von Fiktion und Realität jungen Lesern aus ganz verschiedenen Kulturkreisen nahe (sogar ein kurzes Verzeichnis von Wörtern aus der Bantusprache Siswati findet sich im Anhang). Und sie bestärkt damit die manchmal zögerliche Gewissheit, dass es unter den Kindern dieser Welt viel mehr Gemeinsames gibt, als wir auf den ersten Blick ahnen. Egal ob es sich um eine Geschichte aus St. Mary Mead, Kleinköping oder Debedebe handelt. Oh yes, very international, indeed.
 
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Von Siggi Seuß, 05.12.2016

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.