Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Ute Krause
Im Labyrinth der Lügen

Abenteuer und Antike

Im Jahr 1984 spielt dieser spannende Roman für Kinder ab 10 Jahren. Und dieses Jahr ist mit Bedacht gewählt: Finden wir uns doch mitten in einem Überwachungsstaat wieder, der in vielen Details an George Orwells „1984" erinnert: In der DDR. Ihr Lügen- und Spitzel-System, ihre Unterdrückungsmechanismen und ihr kleinkrimineller Tauschhandel, Republikflucht, Inoffizielle Mitarbeiter und Zensur – Kinder von heute können sich wohl kaum vorstellen, dass dieses System auf deutschem Boden je existierte. Dass so etwas überall auf der Welt möglich und in vielen Ländern leider auch wirklich ist.

Und von dieser Realität erzählt Ute Krause in ihrem neuen Kinderroman „Im Labyrinth der Lügen". Ganz ohne Pathos, schlicht und gut verständlich. Alle politischen Informationen und Fakten, die ein Kind braucht, um die Geschichte des zwölfjährigen Paul zu verstehen, fließen wie beiläufig ein. Nie wird der Zeigefinger erhoben, niemand wird denunziert. Der Leser ist auf dem gleichen Wissenstand wie Paul und bemüht sich mit ihm zu begreifen, in welche rätselhafte Geschichte er da plötzlich hineingerät.

Paul lebt bei seiner Oma und seinem Onkel Henry in Ost-Berlin. Vor zwei Jahren haben seine Eltern versucht, mit ihm in den Westen zu fliehen, die Familie wurde verraten. Die Eltern kamen ins Gefängnis, Paul in eines der grauenvollen Kinderheime, bis die mutige Großmutter ihn da rausholt und die Eltern vom Westen freigekauft werden. Pauls ganze Geschichte erfährt man peu à peu im Laufe der Handlung, sie belastet den Jungen traumatisch, er mag sich kaum erinnern.

Eines Tages besuchen Paul und seine Freundin Millie Onkel Henry, der im Pergamonmuseum Nachtwächter ist. (Er durfte nach der Flucht seines Bruders nicht mehr weiter Archäologie studieren, auch die Großmutter verlor damals ihren Job als Bibliothekarin und arbeitet als Klofrau im Hotel Metropol.) Die Kinder entdecken nachts einen Fremden im Museum, es kommt zu Tumult und Verfolgung, kurzzeitig verdächtigen sie den Onkel, in Diebstahl oder Hehlerei verwickelt zu sein.

Der Onkel hat eine ganz andere Erklärung: es gehe um geheime Forschungen am Ischta-Tor, das im Museum steht. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: der Onkel wird von der Polizei abgeholt, nach seiner Freilassung von der Stasi überwacht, er verliert seinen Job, Paul und Millie setzen sich für ihn ein und bringen damit die ganze Familie in Gefahr. Längst geht es nicht mehr um wissenschaftliche Funde, sondern um politischen Widerstand. Bis sich am Schluss alle komplizierten Knoten lösen und Paul in den Westen zu seinen Eltern ausreisen darf.

Glaubte man anfangs, Ute Krauses Kinderroman könne in Spuk und Fantasy abdriften, so stellt sich schnell heraus, dass „Im Labyrinth der Lügen" nicht nur eine spannende Flucht- und Detektivgeschichte mit authentischem Hintergrund erzählt, sondern auch neugierig macht auf die Welt der Antike. Skulpturen, Friese, Keilschrift und Hieroglyphen bilden eine bunte und interessante Kulisse für die geheimnisvolle Handlung. Antike, arabische Welt und Abenteuer liegen hier nah beieinander.

Ihren Figuren begegnet Ute Krause mit spürbarer Sympathie, aber ohne Mitleid. Die zupackende Großmutter, der weltfremde Onkel und nicht zuletzt Paul überzeugen durch ihre klare Haltung und ihre sehr gut nachvollziehbaren Gefühle. Das brauchen Kinder – wie auch das Happy End! Dazu kommt ein sehr liebevolles Lob der Freundschaft. Über Millie heißt es: „Sie war die beste Freundin, die er je gehabt hatte, und die klügste sowieso." Was soll da noch schief gehen?
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Von Sylvia Schwab, 22.11.2016

​Sylvia Schwab ist Hörfunkjournalistin und hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Sie ist Jurorin bei den "Besten 7" von Deutschlandfunk und Focus und arbeitet für den Hessischen Rundfunk, den Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur.