Sparte: Belletristik

Meral Kureyshi
Elefanten im Garten

Roman

"Einwandern, auswandern…" –
Meral Kureyshis literarische Rekonstruktion der eigenen Migrationsgeschichte

Einen Flüchtlingsroman wollte Meral Kureyshi nicht schreiben. In der Tat gehört ihr Prosadebüt „Elefanten im Garten" nicht in den Kontext der großen Migrationsbewegungen, die seit dem vergangenen Jahr die europäische Öffentlichkeit beschäftigen. Dennoch geht es darin um das Verlassen der Heimat, das Aufwachsen und Zurechtfinden in einem anderen Land, die Aneignung einer fremden Sprache und Kultur. Es geht um Außenseitertum und Integration, um Trauer und Verlust, Erinnerung und Neubeginn, kurz: um die Erfahrungen und Prüfungen, die das Leben einer jungen Migrantin prägen. Für das schmale Buch war es ein Glück, dass sein Erscheinen mit den Debatten um das aktuelle Flüchtlingsdrama zusammenfiel: Der begabten Nachwuchsautorin, die am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert hat, wurde dadurch eine erhöhte Aufmerksamkeit zuteil, die sie bis auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises brachte.

Meral Kureyshi, 1983 in Prizren im Kosovo geboren, flüchtet 1992 mit ihrer türkischstämmigen Familie vor dem Jugoslawienkrieg in die Schweiz. Der Vater, der vorausgereist ist, um Asyl zu beantragen, wird später berichten, er habe nach der Landung in Zürich den Boden geküsst. Aber dann zieht sich das Asylverfahren in Bern über dreizehn Jahre – eine Zeit voller Einschränkungen, Angst und Beklemmung, auf die Eltern und Kinder unterschiedlich reagieren. Die Tochter Meral findet früh Zuflucht im Schreiben, notiert Erlebtes und Erfundenes, Gedanken und Empfindungen, zunächst auf Türkisch, dann auf Deutsch.

Der plötzliche Tod des geliebten Vaters im Jahr 2006 ist der Auslöser dafür, dass sie beginnt, sich schreibend ihrer Identität zu vergewissern, nach den Spuren ihrer Herkunft zu suchen, die Erinnerungen an eine idyllische Kindheit im osmanisch geprägten Traditionsraum mit den Eindrücken ihrer Schweizer Gegenwart zu konfrontieren. Sie lässt sich dabei von ihren gesammelten Notizen ebenso anregen wie von neuen Bewegungs- und Orientierungsversuchen, besucht die Orte, die sie am Anfang des Exils kennenlernte, und reist in ihre Heimatstadt, die sich ebenso verändert hat wie sie selbst.

Das Ergebnis ist nicht etwa eine konventionelle biografische Erzählung, sondern ein kunstvoll fragmentierter, poetischer Text, der zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringt, Vorgestelltes und Reales vermischt und dennoch die klarsichtige, zuweilen gnadenlose Analyse einer Immigranten-Situation mitliefert. Vieles wird nur angedeutet, in einprägsamen, manchmal schrägen Bildern und knappen Dialogen, in einem leichtfüßigen Erzählton, der Anzeichen eines eigenwilligen und kreativen Spracherwerbs trägt. Und doch stehen dem Leser alle Figuren lebendig vor Augen: der betrauerte Vater, um den die Spurensuche eigentlich kreist; die sehbehinderte, nervöse Mutter, die sich immer mehr zurückzieht; die Großmutter, die nach Mekka gepilgert ist: die Verwandten, Freunde und Bekannten in Prizren und Bern. Und sogar die „Elefanten im Garten", die das fantasievolle Mädchen erfindet, um nach den Schulferien etwas berichten zu können, das die anderen beeindruckt.

Mit Märchen, Gedichten und Geschichten ist Meral Kureyshi aufgewachsen, in einem Vielvölkerstaat, in dem Kulturen und Sprachen sich vermischten und einander befruchteten. Heute versucht sie etwas davon an Schweizer Kinder weiterzugeben, für die sie in Bern ein Lyrik-Atelier gegründet hat. Man wird von dieser jungen Schriftstellerin noch hören.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 23.11.2016

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.