Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Paul Maar
Eva Muggenthaler (Illustrator)

Paulas Reisen

Bilderbuch

Wenn eine eine Reise tut....

Reisen bildet. Reisen macht Spaß. Auf Reisen lernen wir ferne, fremde Welten kennen. Das gilt für Reisen in der Wirklichkeit, viel mehr aber noch für Reisen in der (Kinder-)Literatur. Mit Reise-Büchern können wir Er-Fahrungen und Ent-Deckungen machen, die wir in unserem täglichen Leben nie machen würden. Wir können Spannendes, Interessantes oder sogar Gefährliches erleben, ohne aus dem Haus zu gehen. Wir können in Länder reisen, die wir gar nicht kennen, ob nach Südamerika oder in den arabischen Raum. Und wir können phantastische Reisen unternehmen, Reisen, die nur im Kopf stattfinden oder im Traum. Wie „Paulas Reisen".

Wenn zwei Künstler wie Paul Maar und Eva Muggenthaler zusammen ein Bilderbuch machen, kann das eigentlich nur großartig werden! Der geniale Sams-Erfinder und die hoch dekorierte Illustratorin haben „Paulas Reisen" 2007 zum ersten Mal veröffentlicht, von seinem Reiz hat das Buch aber nichts verloren. Paul Maar hat sich in vielen Kinderromanen und Bilderbüchern als Spezialist fürs Phantastische ausgewiesen, mit „Lippels Traum" schloss er auf seine Weise an die Märchen aus 1001 Nacht an. Und Eva Muggenthalers viele Bilderbücher wie „1000 Dummheiten" oder „Als die Fische spazieren gingen" sind kreative Auseinandersetzungen mit den vielen verschiedenen Spiel-Räumen der Phantasie.

„Paulas Reisen" beginnt wie ganz viele Einschlaf-Geschichten. Paula träumt von einem Land, in dem alle Dinge und Menschen kreis- bzw. kugelrund sind. Vom Kaiser bis Schulkind. Weshalb Knäckebrot oder Schokolade – weil rechteckig – verboten sind. Doch bevor Paula von der „Kugel-Polizei" der Kreis-Welt „angepasst" wird, kann sie fliehen. Ähnlich ergeht es ihr „im Land der tausend Ecken". Auch hier gelingt die Flucht, wie dann auch aus dem „Land der roten Töne" und aus dem „kleinen Land Kopfunter", in dem alle und alles auf dem Kopf stehen.

So weit, so phantastisch. Aber auch: so erfinderisch. Denn die kleine Paula versteht es immer wieder, sich als Außenseiterin im jeweiligen Land ein Schlupfloch zu schaffen und zu verschwinden. (Sich selbst seinen Aus-Weg zu malen ist ein beliebtes Bilderbuch-Motiv, von Crockett Johnsons „Harold und die Zauberkreide" bis zu Aaron Beckers „Die Reise".) Bis sie schließlich im „Bettenland" auf Daunendecken und Kuschelkissen landet und schläft bis zum nächsten Morgen.

So frisch und lebendig wie die Geschichte sind auch Paul Maars Verse. Man muss das Bilderbuch unbedingt laut vorlesen! Jedes Land ist witzig-individuell gezeichnet, dann folgt, in einer Art Refrain, jeweils Paulas erfolglose Domestizierung und Flucht. Dazu wechseln von Episode zu Episode die Reimschemen. Paul Maar nutzt traditionelle dichterische Motive, um die bunte Phantastik der Reisen auszubalancieren.

Kann man einer Künstlerin schönere Motive in den Schoß legen als ein „Land der tausend Ecken" oder ein „Land der roten Töne"? Eva Muggenthalers Bilder fangen die ihr zugespielten Bälle mit Schwung auf! Rein optisch dominieren sie gegenüber Maars Versen, aber das ist einem Bilderbuch nur angemessen! Sie knallen nur so vor Farben, Formen, Phantasie und erzählen die Traum-Ballade in vielen kleinen Nebenepisoden weiter. Da ist nicht alles eindeutig! Zum Beispiel, warum im kleinen Land Kopfunter die Uhr falsch herum, das Buch aber zusätzlich spiegelverkehrt dargestellt ist. Paulas Reisen führen ins Unlogische, Lustige und Ver-rückte, je weiter weg von unserer Realität, desto besser!

Wer Deutschland für das Land von Logik, Ordnung und Genauigkeit hält, bekommt mit diesem Bilderbuch – wieder einmal – eine Lektion in Sachen Originalität und Exotik. Nicht nur deutsche Kinder werden ihren Spaß haben – und dann vielleicht auch das aus dem Buch entstandene Musical mit Konstantin Wecker und dem Münchner Rundfunkorchester hören wollen!
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Von Sylvia Schwab, 04.01.2017

​Sylvia Schwab ist Hörfunkjournalistin und hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Sie ist Jurorin bei den "Besten 7" von Deutschlandfunk und Focus und arbeitet für den Hessischen Rundfunk, den Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur.