Sparte: Belletristik

Jenny Erpenbeck
Aller Tage Abend

Roman

Buchbesprechung

​Ein Leben, eine Biographie besteht aus einer Abfolge von Zufällen und Entscheidungen, die wiederum andere Zufälle und Entscheidungen nach sich ziehen, bis alles irgendwann ein Ende findet. Ein Roman, eine Geschichte ist in aller Regel die Nacherzählung einer oder mehrerer Lebenslinien, ihrer Verbindungen und Verstrickungen. In ihrem neuen Roman „Aller Tage Abend“ geht Jenny Erpenbeck einen anderen, neuen Weg. Anstatt sich an einen einzigen Strang, ein unabänderliches Schicksal zu halten, entwickelt sie ein virtuoses Spiel mit den Scheidewegen des Lebens – und fragt sich, ob nicht alles auch ganz anders hätte kommen können, was geschehen wäre, wenn eine bestimmte Lebensgeschichte an einem entscheidenden Punkt einen anderen Verlauf genommen hätte.

In dem Augenblick, mit dem der Roman einsetzt, um 1900, in einem kleinen Städtchen in Galizien, ist eigentlich alles schon wieder vorbei. Die Hauptfigur des Buches ist als Säugling eines Nachts gestorben, ihr künftiges Leben ist begraben unter den Erdschichten des ausgehobenen und wieder zugeschaufelten Grabes. Die junge Mutter hat ihm nicht helfen können, auch der Vater war wie gelähmt und bekämpft seine spätere Trauer mit Schnaps und Geschrei. Er schleicht sich weg, verlässt die Familie und wandert aus nach Amerika. Man folgt ihm dorthin, wie man allen Figuren folgt, ihre Geschichten und ihre Schicksale kennenlernt: die Großmutter, deren Mann bei einem Pogrom ermordet wurde und die davon nichts erzählt, die Urgroßmutter und den Urgroßvater, der die Heirat der Tochter mit einem Goj, einem Nichtjuden nicht verwinden kann. Sie alle kommen zu Wort und zu ihrem Recht, aus ihren ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und Perspektiven setzt sich die Geschichte, das Erzählte zusammen, fügt sich zum Kosmos dieses Romans. Denn die Wahrheit, wird jemand später, viel später Hegel zitieren, die Wahrheit ist das Ganze.

Und das Ganze, um das es hier geht, ist eben noch längst nicht vorbei. Schließlich hätte alles auch anders kommen, sich anders entwickeln können. Eine richtige oder falsche Bewegung, eine glückliche oder unglückliche Begegnung, ein ausgesprochenes oder verschwiegenes Wort – und plötzlich läuft eine Lebensbahn in eine andere Richtung, tut sich ein Ausweg auf oder ein Abgrund. Jenny Erpenbeck weiß um die Macht der Zufälle – und um die Macht der Phantasie, der Literatur, den unbegangenen Weg weiterzugehen, die verpasste Möglichkeit nachzuholen. Der Konjunktiv wird hier tatsächlich zur literarischen Möglichkeitsform, das Hätte, Wenn und Aber zum Kompass des Erzählens.

Vor allem macht der Roman ernst mit der titelgebenden Redewendung „Es ist noch nicht aller Tage Abend“. Denn was, wenn die junge, hilflose Mutter aus einer Eingebung heraus doch das Richtige tut, den Schnee vom Fensterbrett greift und den kaum noch atmenden Säugling damit einreibt? Wenn der Beinahetod des Kindes, seine wundersame Rettung zur Familienlegende wird, der Vater nicht die Flucht ergreift, sondern mit Frau und nunmehr zwei Töchtern aus der Provinz in die Weltstadt Wien zieht, wo er die Karriereleiter wenigstens ein, zwei Sprossen hinaufklettern kann? Doch auch die richtige Entscheidung ist keine Gewähr für eine sorglose Zukunft. Denn auch an diesem ganz anderen Ort warten Verhängnisse, warten Hunger, Krieg und Not, auch hier gibt es Scheidepunkte, die weitere Katastrophen heraufbeschwören.

Waren vielleicht alle früheren Rettungen umsonst, wenn ein glücklich überstandener Schicksalsschlag unweigerlich den nächsten herausforderte? Wenn etwa die ältere, als Kind dann doch gerettete Tochter in Wien als junges Mädchen stirbt, weil sie an einem Abend nicht zu Haus geblieben und in fragwürdige Gesellschaft geraten war: „Wahrscheinlich kam es überhaupt nicht auf den Moment an, der gerade zurücklag, sondern immer auf alles. Eine ganze Welt aus Gründen gab es, warum ihr Leben nun an ein Ende gekommen sein könnte, wie es gleichzeitig eine ganze Welt aus Gründen gab, warum sie jetzt noch am Leben sein könnte und sollte.“

Aber natürlich ist auch dieser Tod nicht das letzte Wort, ist nur eine der vielen Weichen, die auch anders hätten gestellt werden können. Und so lebt, in einem neuen Erzählstrang, auch diese Figur weiter, wird Kommunistin, emigriert in die Sowjetunion, gerät in die Mühlen des stalinistischen Terrors und erfriert in einem sibirischen Straflager. Oder doch nicht? Wäre ihre Akte auf dem linken statt auf dem rechten Stapel gelandet (oder umgekehrt), hätte sie das Ende des Krieges überlebt, wäre in die DDR gegangen und dort zu einer großen Schriftstellerin, einer Nationalpreisträgerin geworden.

Auf raffinierte Weise erzählt Jenny Erpenbeck, die 1967 geborene, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Regisseurin, in ihrem für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 nominierten Roman von den geschichtlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, von den Verstrickungen des Einzelnen ins große Weltgeschehen. Die im Laufe der Erzählung auftauchenden Längen- und Breitengrade erinnern an die Koordinaten eines Schachbretts, auf dem Figuren hin- und hergeschoben werden, blind für ihre Bahn und für ihr Schicksal. „Zeugt es von Feigheit“, fragt sich eine von ihnen, „wenn man sein eigenes Leben verlässt, oder von Charakter, wenn man die Kraft hat, neu zu beginnen?“ Der Roman gibt darauf keine Antwort. Aber er folgt den Zügen, die sich aus Entscheidungen oder Nichtentscheidungen ergeben, und zeichnet mit diesen verschlungenen Linien das Bild eines Zeitalters. 
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 18.09.2013

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".