Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Nadia Budde
Vor meiner Tür auf einer Matte

Bilderbuch

Ganz allein oder lieber zu zweit?

Da stehen sie, die beiden Hauptfiguren. Nebeneinander, mit ihren großen, weißen Augen etwas skeptisch blickend, und sie teilen: den Schlafanzug. Die überdimensionale Ratte trägt das blau-weiß gestreifte Oberteil, der kleinere Mann das Unterteil. Das letzte Hemd scheint der Mann mit den blond gescheitelten Haaren der Ratte zu geben, aber so ganz unproblematisch gestaltet sich das Zusammenleben mit diesem ungewöhnlichen Partner nicht.

Ungefragt steht das eher unbeliebte Tier eines Tages vor seiner Tür. "Selten lade ich sie ein, meistens quetscht sie sich mit rein." - so beginnt Nadia Budde die gereimte Geschichte. Ohne Gewissensbisse leiht sich die Ratte seine viel zu kleinen Hauschuhe, besetzt den bequemen, braunen Wohnzimmersessel oder blockiert das Badezimmer. Der Mann zählt alle unerfreulichen Eigenarten und Verhaltensweisen der Ratte auf und beklagt sich bitterlich beim Leser. Noch nicht einmal lesen kann er ungestört: "Will ich mich ins Buch vertiefen, höre ich sie leise schniefen."

Doch bei so viel unfreiwilliger Zweisamkeit platzt ihm irgendwann der Kragen und siehe da, von der Ratte fortan keine Spur. Eine abrupte, unerwartete Wendung der Geschichte, die neue Spannung erzeugt. Wer hätte das gedacht, aber auch so ist es ihm nicht recht. Alles, was dem Mann bisher auf die Nerven gegangen ist, scheint ihm nun zu fehlen. So ganz alleine leben ist auf Dauer doch nicht schön. Und wie wunderbar: "Später kehre ich zurück, da steht sie wieder … welch ein Glück! "

Nadia Budde gelingt es, in Text und Bild eine Thematik zu gestalten, die jeden betrifft. Wie bei allen anderen Büchern von ihr gibt es für Kinder wie für Erwachsene etliche Zugangsmöglichkeiten. Wie nah kann man sich sein, wieviel Freiraum braucht der einzelne? Mit Humor und Biss fängt sie charakteristische Situationen ein, und lässt die Geschichte nach dem vermeintlichen Happy-End noch weitergehen. Als die Ratte neben dem Mann schnarcht und die ganze Rattensippe vor der Tür steht, da ahnt man schon - neue Konflikte stehen an.

Eine rundum überzeugende Idee. Nadia Budde sagt dazu: "Wo Ideen herkommen, kann ich nicht sagen. Aber besonders bei diesem Buch war sie plötzlich da und im Gegensatz zu den anderen Büchern auch schon fast vollständig." Durch ihre einprägsamen Reime macht sie es ihren Vorlesern leicht. So prägnant und mit Schwung lässt es sich leicht laut lesen. Sie schätzt die Werke von Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Dr. Seuss und Robert Gernhardt. Das merkt man ihrer Arbeit an.

"Bilder und Texte gehören so eng zusammen, dass es schwierig ist, zu sagen, was zuerst da ist. Sie ergänzen sich, erzeugen sich gegenseitig und sie helfen sich," sagt die Berliner Künstlerin. Dabei sind die markanten Illustrationen in einem unverwechselbaren Stil gemacht, der seit ihrem Debüt 1999 fasziniert. Das Pappbilderbuch "Eins Zwei Drei Tier" wurde direkt mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Sie verwendet Filzstift und Pinsel mit schwarzer Tusche. Anschließend scannt Budde die Zeichnungen und legt erst am Computer die Farben an. Wenig Hintergrund, lediglich angedeutete Räume mit einzelnen Requisiten, dicke, schwarze, unregelmäßige Figurenkonturen und sehr spezielle Gesichtsausdrücke, auf die sie großen Wert legt - das sind die wichtigsten Kennzeichen ihrer Bildsprache.

Vor allem die runden, weißen Augen fallen auf und bei diesem Bilderbuch die Überschneidungen zwischen Mensch und Ratte. Ein Sujet, mit dem sie schon in "Und irgendwo gibt es den Zoo" gespielt hat. Und als Budde beide auf dem Sessel drapiert, gibt es eine frappierende Ähnlichkeit zu beobachten: Haare, Ohre, Nase, Mundpartie und Kinn - nur die Ratte ist deutlich größer als der Mann! Typisch für Nadia Budde ist auch noch, dass sie die Typografie mitgestaltet. "Die Schrift ist Teil der Zeichnung. Ich schreibe sie während ich zeichne direkt in die Illustration hinein," so Budde. Auch das macht ihre klugen, schrägen und humorvollen Bilderbücher unverkennbar.
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Von Antje Ehmann, 21.02.2017

Antje Ehmann ist freie Journalistin. Sie hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert und schreibt u.a. für die NZZ, BuchMarkt, BÜCHER-MAGAZIN, dpa-Kindernachrichten und mare. Von 2011-2014 war sie in der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, seit 2016 ist sie in der Jury des Illustrationspreises für Kinder- und Jugendliteratur (GEP).