Sparte: Belletristik

Bodo Kirchhoff
Verlangen und Melancholie

Roman

Verdrängungsvirtuose auf Wahrheitssuche – Bodo Kirchhoffs vielschichtiger Roman "Verlangen und Melancholie"

Unter den deutschsprachigen Schriftstellern, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, ist Bodo Kirchhoff einer der produktivsten und vielseitigsten. Seit 1979 hat er regelmäßig Erzählungen und Romane, Bühnenstücke und Drehbücher, Essays und Reportagen veröffentlicht; in seiner Prosa hat er eigene Lebenserfahrung, abgründige Phantasien und politische Reflexionen verarbeitet, außerdem mit Parodien von Trivialgenres und Grenzüberschreitungen zur Unterhaltungsliteratur experimentiert. Als Romanautor ist er, wie ihm die Kritik bescheinigt, in den letzten Jahren zu einer bemerkenswerten künstlerischen Reifung und Steigerung gelangt.
 
Das zeigt vor allem sein jüngstes Epos „Verlangen und Melancholie“, in dem er für die Themen, die er seit seinen Anfängen immer wieder umkreist hat – Eros und Tod, Begehren und Verlust, Täuschung und Wahrheit –,  einen neuen, vielschichtigen und vitalen, dabei sprachlich unprätentiösen Erzählmodus findet. Zugleich zeichnet der Autor, der sich in den Achtzigerjahren von deutschen Schauplätzen und Gegenständen verabschiedet und seine Stoffe fortan auf Weltreisen oder bei Auslandsaufenthalten gesucht hatte, in dieser Liebes- und Enthüllungsgeschichte ein scharfes Bild deutscher Gegenwart, gespiegelt in Zustandsskizzen aus Kirchhoffs Heimatstadt Frankfurt, wo die Schließung einer Woolworth-Filiale heute schon ein Stück Heimatverlust bedeutet. Und er entwirft ein subtiles Porträt der westdeutschen Intellektuellengeneration, der er selbst angehört, mit ihren Eitelkeiten, ihren Beziehungsproblemen und ihrer unheilbaren Italien-Sehnsucht.  
 
Hinrich, Regionalkultur-Redakteur im Ruhestand, hat vor fast zehn Jahren seine Frau Irene verloren: Sie beging Selbstmord, indem sie vom Goetheturm sprang, einer 43 Meter hohen Holzkonstruktion im Frankfurter Stadtwald. Der Witwer lebt und überlebt in einem Hochhaus, dem städtebaulichen Symbol der ungeliebten Nachkriegsmoderne, für ihn ein „Raumschiff der Trauer“. Er tröstet sich mit Tierfilmen, gibt seinem Enkel Abiturnachhilfe und jobbt als Wärter in der Pompeji-Ausstellung, die seine Tochter kuratiert hat. Dabei wird er unablässig heimgesucht von Erinnerungen und bedrängt von der unbeantworteten Frage nach dem Grund für Irenes Freitod. Denn der wortreiche Rückblick auf die gemeinsame Zeit, die von glücklichen Reise-Erlebnissen, vor allem in Italien, und intensiven erotischen Momenten überstrahlt war, lässt zwar – das ist Kirchhoffs Kunstgriff – den Leser, nicht aber den Ich-Erzähler erkennen, wie wenig man voneinander wusste.
 
Um den Verdrängungsvirtuosen Hinrich auf die Spur der Wahrheitsfindung zu setzen, bedarf es einiger Umwege: Weil er das Schwarzgeld, das er mit dem Enkel auf abenteuerlichen Wegen über die Schweizer Grenze geschmuggelt hat, seiner polnischen Ex-Geliebten schenken will, reist er nach Warschau und trifft dort einen alten Freund und Kollegen, der ihn über Irenes Doppelleben und die Ursache ihrer Verzweiflung aufklärt. Dass dieser Jerzy Tannenbaum der Nachkomme deportierter Juden ist, verleiht der Geschichte eine zusätzliche Dimension, die Kirchhoff ebenso glaubwürdig in die Handlung integriert wie jenen geheimnisvollen Brief mit Trauerrand, den Hinrich lange ungeöffnet mit sich herumträgt und der die Nachricht vom Tod seines Sohnes enthält, von dessen Existenz er bis dahin nichts ahnte.
 
Noch immer spielt der Autor gern mit Kolportage-Elementen, aber hier verwebt er sie so beiläufig wie stimmig mit den Trugbildern und Selbsttäuschungen seines Protagonisten. Sympathisch wird uns Hinrich erst am Ende, als er sich auf einer Erinnerungsreise nach Pompeji mit einem streunenden Hund anfreundet: Hier gewinnt der Begriff „Liebe“ plötzlich eine Bedeutung, vor der alle Erotik-Darstellungen in den pompejanischen Villen verblassen – zweifellos einer der schönsten Romanschlüsse der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
 
 
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 20.01.2015

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.