Sparte: Belletristik

Michael Köhlmeier
Die Abenteuer des Joel Spazierer

Roman

Buchbesprechung

​Joel Spazierer ist ein Aufschneider. Er lügt das Blaue vom Himmel herunter und lässt für eine gute Geschichte beinahe jeden über die Klinge springen. Er kennt keine Moral, schneidert sich immer wieder neue Identitäten auf den Leib und geht buchstäblich über Leichen. Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier legt mit "Die Abenteuer des Joel Spazierer" einen zeitgenössischen Schelmenroman vor, der es in sich hat: 653 Seiten lang hält uns sein Held und Ich-Erzähler in Atem, und obwohl er so skrupellos seine Interessen durchsetzt, folgt man ihm gebannt quer durch Europa. „Die Wahrheit wird überschätzt“, benennt der geschmeidige Spazierer seine Maxime, und nebenbei spannt Köhlmeier, Jahrgang 1949 und Verfasser einer Vielzahl von Romanen und Erzählungen, einen moralphilosophischen und theologischen Bezugsrahmen auf.

Spazierer wird als András Fülöp im selben Jahr wie sein Erfinder in Budapest geboren und wächst bei seinen Großeltern auf. Er ist noch nicht einmal vier Jahre alt, als sein Großvater, ein einflussreicher Arzt, von der Staatssicherheit des Hochverrats verdächtigt wird und gemeinsam mit der Großmutter in Haft kommt. Mehrere Tage lang bleibt der kleine Enkel sich selbst überlassen, woran András aber Gefallen findet. Von nun an erzieht er sich selbst: „Ich fühlte mich stark – mehr als muskelstark: begnadet, auserwählt, mächtig, unbesiegbar.“

Der Grundstein für seine Aufschneiderexistenz ist gelegt. Seine Großeltern kehren zwar zurück und fliehen gemeinsam mit András und dessen Eltern nach Österreich, aber der Junge läuft bald weg, verdingt sich als Stricher, stiehlt und betrügt. Er zeichnet sich durch eine tiefe ethische Abstinenz aus: Nichts ist ihm heilig. Selbst als er mit neun Jahren einmal den sommerlichen Sternenhimmel über sich erblickt, beschleicht ihn keine Ehrfurcht vor der Natur, sondern eher das Gefühl, das glänzende Firmament sei doch etwas übertrieben. „Ich hatte keine Überzeugungen“, beschreibt er seinen Zustand, gut und böse gibt es für ihn nicht.

András, der sich mehrfach umbenennt und schließlich aus reinem Kalkül den jüdisch anmutenden Namen Joel Spazierer annimmt, wird als junger Mann sogar zum Mörder, ohne dass dies ihn in größere Nöte stürzte. Aber das Innere der Figuren spielt für Köhlmeier ohnehin keine Rolle: Die Psychopathologie seines Schelmen aufzuschlüsseln, überlässt er dem Leser.

Das größte Kunststück Köhlmeiers ist natürlich, wie er uns an einer Figur, die dermaßen abstoßende Züge entwickelt, über hunderte von Seiten festhalten lässt. Es ist gerade die kalte Unerschütterlichkeit, die Joel Spazierer zu einem Faszinosum werden lässt. An Spazierers Umgang mit der Außenwelt knüpfen sich brisante Fragen: Verfügen Menschen über eine angeborene Moral? Worauf basieren unsere sittlichen Überzeugungen und zivilisatorischen Errungenschaften, und wie klagen wir sie jemandem gegenüber ein, der sie bewusst missachtet?

Michael Köhlmeier ist überdies ein gewiefter Konstrukteur. Er schlägt rasante Haken, wechselt Schauplatz um Schauplatz und bietet über seinen Helden immer wieder Einblicke in die verschiedensten Milieus: Die italienische Großbourgeoisie kommt ebenso vor wie die Drogenszene und österreichische Intellektuellenhaushalte.

Ein literarisches Kabinettstückchen stellt die Episode in der späten DDR dar, wohin sich Spazierer 1983 flüchtet, und zwar als angeblicher Enkel des von den Nationalsozialisten hingerichteten Kommunisten Ernst Thälmann – mit allergrößtem Erfolg, denn er steigt zu einem gefragten Professor auf und hält Vorlesungen über „sozialistische Transzendenz“, die Kultcharakter erlangen, und zeugt nebenbei noch mit zwei verschiedenen Frauen Töchter. Mit großer Nonchalance stellt Michael Köhlmeier seine Begabung als Fabulierer unter Beweis, die den Künsten seines Schelms in nichts nachstehen. Tiefgründiger und zugleich unterhaltsamer kann man von einem Bösewicht nicht erzählen.  
Maike Albath

Von Maike Albath, 18.02.2014

​Maike Albath ist Literaturkritikerin und Journalistin beim Deutschlandfunk und DeutschlandRadioKultur. Sie schreibt außerdem für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Im Berenberg Verlag liegen ihre Bücher "Der Geist von Turin" (2010) und "Rom, Träume" (2013) vor.