Sparte: Belletristik

Jonas Lüscher
Frühling der Barbaren

Novelle

Buchbesprechung

​„Doch von den Kamelen erst später“: Dieser altmodische Satz könnte aus einem der arabischen Abenteuerromane Karl Mays stammen oder aus Johann Wolfgang von Goethes „Novelle“, in der wilde Tiere bei einem Zirkusbrand ausbrechen. Doch geschrieben hat den Kamele verheißenden Satz der 37-jährige Schweizer Jonas Lüscher, der in München lebt. Seine Novelle „Frühling der Barbaren“ hat er nach alter Schule angelegt: mit einer Rahmenhandlung und diversen geschickt geschürzten dramatischen Knoten.

Der Schweizer Fabrikerbe Preising erzählt in Rückblenden einem Mitpatienten in der Psychiatrie von seinem tunesischen Abenteuer, bei dem sich Unfall an Unfall reiht. Fast immer sind dabei Kamele im Spiel. Schon auf dem Weg zu einem Luxus-Resort in der Oase Tschub wird der erklärte „Kulturrelativist“ Preising Zeuge eines grotesken Zusammenstoßes zwischen einer Karawane und einem Touristenbus: „Eines der Tiere hatte sich buchstäblich um die eng stehenden doppelten Vorderachsen des Busses gewickelt. Der Hals, unnatürlich lang gedehnt, hing schlaff über dem heißen Gummi des mächtigen Reifens, die Zunge fiel zwischen den entblößten gelben Zähnen aus dem Maul, ein Bein ragte steif zwischen Rad und Karosserie in den Himmel, den schwieligen Fuß in einem spitzen Winkel abgeknickt.“

An solche Satzungetüme voll überbordender Beschreibungslust muss man sich zunächst gewöhnen. „Frühling der Barbaren“ stellt einen literarischen Genuss voller Widerhaken dar. Offenbar hat Jonas Lüscher den Philosophen Friedrich Schlegel wörtlich genommen. Dieser erklärte 1789 „märchenhafte Phantastik, ironische Leichtigkeit und überquellende Fülle“ zu den Stilmitteln der Arabeske. Lüscher erfüllt dieses ästhetische Programm mustergültig. Zugleich lässt seine Novelle, in der eine Revolution losbricht, den Arabischen Umbruch erahnen. Beginnend mit Karthagos Stadtheiliger Dido ist auch die tunesische Geschichte präsent.

Okzident prallt auf Orient, und das mit tragikomischen Folgen: Dieser Tenor durchzieht das Buch. Preising ist als Frühstücksdirektor nach Tunis gereist, um einen Zulieferbetrieb zu besuchen. Der deutschschweizerische Name Preising, ist man in seiner Firma für Telekommunikations-Zubehör überzeugt, klingt vertrauenswürdiger als der slawische des Bosniers Prodanovic, des „entschlussfreudigen Leistungsträgers und Wertschöpfers“. Dieser Gegensatz strukturiert den Text: Einer überdrehten kapitalistischen Gegenwart setzt Lüscher den kontemplativen Preising entgegen. Stetig bewegt sich die kunstvolle, aber niemals künstliche Novelle auf einen höchst aktuellen Wendepunkt zu: „Während Preising schlief, ging England unter.“

Im Gestus des 19. Jahrhunderts schildert der Autor einen fiktiven Börsencrash unserer Tage. Damit erzielt er einen erhellenden Verfremdungseffekt. Protagonisten des entfesselten Kapitalismus sind einige junge britische Aktienhändler, die in dem Luxus-Resort eine Hochzeit feiern. Preising freundet sich mit der gelangweilten Mutter des Bräutigams an. Deren Mann, ein drahtiger Soziologieprofessor, zwingt ihn, an einer Expedition teilzunehmen: „Preising ergriff also den speckigen Gürtel des Engländers, während dieser sich, auf dem Bauch liegend, gefährlich weit über den brüchigen Erdwall hinauswagte, und starrte zu gleichen Teilen fasziniert und indigniert auf den völlig haarlosen und erstaunlich weißen mageren Hintern, der sich […] Zentimeter um Zentimeter aus der Funktionshose schälte.“

Es sind solche Mini-Dramen, die dem Text seine besondere Würze geben. Zentimeterweise stellt der Autor die westliche Zivilisation bloß. Zwar kann Preising den entblößten Professor vor dem Fall in den Abgrund bewahren, in der Nacht darauf aber stürzt das britische Pfund ins Bodenlose. Die reichen Hotelgäste erleben unter Palmen ihr persönliches Waterloo, die Insolvenz macht sie zu Raubtieren. Nur Preising, der neutrale Schweizer, bleibt ganz Gentleman – und vor allem Beobachter. Jonas Lüschers Novelle stand auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Sie wirkt wundersam, wie aus der Zeit gefallen, und revitalisiert eine ehrwürdige literarische Gattung. Vor allem aber ist „Frühling der Barbaren“ ein hochkomisches Abenteuer des Geistes.  
Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber, 18.12.2013

​Die Autorin lebt als freie Literaturkritikerin und Kulturjournalistin in München und war von 2009 bis Ende 2012 Belletristik-Jurorin bei Litrix.de