Sparte: Sachbuch

Klaus Taschwer
Der Fall Paul Kammerer. Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit

Sachbuch

Wissenschaftsgeschichte als Kriminalfall

Dass die Biografien von Naturwissenschaftlern eher knöchrige Sachbucherzählungen hervorbringen, ist leider schon oft genug unter Beweis gestellt worden, und es liegt ja auch auf der Hand, dass sich die akribische Arbeit im Labor und ein aufregendes oder gar turbulentes Privatleben im Grunde genommen ausschließen. Die Ausnahme von dieser Regel ist „Der Fall Paul Kammerer", und wenn der Wissenschaftsjournalist Klaus Taschwer Kammerers Biografie jetzt als „Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit" annonciert, dann tut er das zu Recht und ganz ohne jede Übertreibung.

Der 1880 geborene und 1926 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Kammerer war nicht nur der berühmteste Biologe seiner Zeit, er war eben vor allem viel mehr als ein Biologe. Allein auf der Ebene des gesellschaftlichen Lebens entrollt seine Geschichte ein weitgespanntes Panorama des Wiener Fin de siècle, schließlich war der charismatische Kammerer, der zum Privatvergnügen auch Musik komponierte, mit Alban Berg, Bruno Walter und Albert Einstein befreundet.

Spektakulärer noch seine Frauengeschichten: in ihre Reihe gehörten die damals berühmte Tänzerin Grete Wiesenthal, die Malerin Anna Walt – und natürlich Alma Mahler, die in ihren Erinnerungen einen kleinen Eindruck vom besonderen Temperament dieses so gar nicht prosaischen Naturwissenschaftlers vermittelt. „Täglich", erinnerte sich Alma Mahler", stürzte er aus meiner Wohnung mit der Versicherung, sich zu erschießen, und zwar musste er das am Grabe Gustav Mahlers tun, denn Mahler sei ihm erschienen, et cetera. Erst war ich sehr ängstlich; schließlich gewöhnte ich mich daran. Endlich ließ ich mir seine Frau kommen und bat sie, besser auf ihn aufzupassen, sich ihm irgendwie unentbehrlich zu machen; vor allem aber ihm die Pistole wegzuräumen, mit der er unentwegt herumfuchtelte und mich und sich bedrohte."

Dass sich Paul Kammerer im Jahr 1926 dann tatsächlich erschossen hat, lenkt den Blick auf einen Skandal, der weit über die persönliche Tragödie hinaus von wissenschaftlicher und sogar politischer Tragweite ist. Kammerer hatte zeitlebens vor allem an Reptilien geforscht, an denen er seine an Lamarck geschulte Theorie der sogenannten Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften belegen wollte. Der Beweis dieser Annahme war von eminenter Bedeutung, und das weit über den Krötentümpelrand hinaus. Schließlich wollte Kammerer zeigen, dass – anders als im Darwinismus angenommen, der unter anderem die damals prosperierende Rassenlehre möglich machte – die Prägungen und Voraussetzungen des Menschen nicht fest programmiert und naturgegeben seien, sondern durch Erfahrungen und äußere Einflüsse flexibel form- und vererbbar.

Dem Fatalismus statischer Gesellschaftsmodelle stellte der glühende Sozialist und Pazifist die Idee entgegen, dass sich die Menschengeschlechter durch selbsttätig veränderte Bedingungen ihres Lebens nach und nach verbessern könnten. Ganz so, wie es Kammerer an der Geburtshelferkröte nachgewiesen zu haben glaubte: Er hatte diese Tiere, die sich normalerweise an Land fortpflanzen, künstlich ins Wasser expediert, woraufhin sich bei der nächsten Generation der Kröten Haftschwielen an den Innenseiten der Finger vererbt hatten, die dem Krötenmännchen dabei halfen, während des Geschlechtsakts im Wasser nicht vom Weibchen abzurutschen. Damit sah Kammerer die Vererbbarkeit einer Eigenschaft, die sich durch eine spontane Veränderung gebildet hatte, als erwiesen an.

Dass Klaus Taschwer seine wunderbar lebendig erzählte Biografie „Den Fall Paul Kammerer" nennt, liegt daran, dass eben dieses ausschlaggebende Krötenexperiment zum Gegenstand eines fatalen kriminologischen Nachspiels wurde. In einem Artikel der Zeitschrift „Nature" wurde Kammerer nachgewiesen, dass die vermeintlichen Haftschwielen der Kröten nichts anderes waren als die Spur von künstlich injizierter Tinte. Kammerer stand plötzlich wie ein Hochstapler und Fälscher da.

Wie in den siebziger Jahren schon Kammerers Biograph Arthur Koestler („Der Krötenküsser") setzt Taschwer noch einmal zu einer Ehrenrettung an. Auch er löst den Fall am Ende nicht zweifelsfrei auf; weil der Autor aber viel tiefer in den Archiven gegraben hat als damals Koestler, kommt er auf die Fährte eines atemberaubenden Komplotts, mit dem der bekannteste Biologe seiner Zeit für immer verunglimpft werden sollte. Taschwers Rekonstruktion dieses Rufmords liest sich dabei selbst so aufregend, als hätte ein Krimiautor sich das alles ausgedacht.
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Von Ronald Düker, 21.03.2017

​Ronald Düker ist Kulturwissenschaftler und Journalist und schreibt für DIE ZEIT sowie verschiedene Magazine. Er lebt in Berlin.