Sparte: Belletristik

Matthias Brandt
Raumpatrouille

Roman

Sehnsucht nach Normalität

An einem späten Nachmittag ist der Junge mit seinem Vater alleine zu Hause. Dass der Vater da ist, bemerkt er an dem Tabakrauch, der durch das Haus zieht. Schüchtern und ganz vorsichtig drückt der Junge die Klinke des Arbeitszimmers herunter; dort sitzt der Vater, die Brille weit vorne auf der Nase, den Kopf auf der Brust, und schläft, vor sich einen Stapel Akten, neben sich den Aschenbecher und ein Glas mit brauner Flüssigkeit und Eiswürfeln. Der Junge betrachtet den Vater genau, bis dieser plötzlich aus seinem Schlaf hochschreckt und nur ein Wort sagt: „Ja?" Dann wagt der Junge das Ungeheuerliche: „Kannst du mir vorlesen?", fragt er den Vater – und der leistet der Bitte Folge. „Ich konnte kaum glauben, was geschah", kommentiert der Erzähler. Der Junge will den Augenblick festhalten. Und schläft fast sofort ein.

Die Geschichte wäre nicht weiter erwähnenswert oder gar spektakulär, wenn es sich bei dem Mann, von dem die Rede ist, nicht um den seinerzeit amtierenden Kanzler der Bundesrepublik Deutschland handeln würde. Matthias heißt der Junge, Willy Brandt der Vater. Bereits im Jahr 2006 hat Lars Brandt, Matthias Brandts zehn Jahre älterer Bruder, mit „Andenken" ein wunderbares, kleines Buch mit Erinnerungssplittern an die Zeit seiner Kindheit veröffentlicht. Und wenn man nun Matthias Brandts „Raumpatrouille" liest, verstärkt sich der Eindruck einer ungeheuren Diskrepanz: Da ist zum einen der Politiker Brandt, der spätere Friedensnobelpreisträger, personalisiertes Symbol eines offenen, liberalen Landes. Und da ist, möglicherweise naturgemäß, der abwesende, seltsam entrückte, distanzierte Vater.

Es ist ein Aufwachsen unter außergewöhnlichen Umständen, das als Gegenbewegung bei dem acht- oder neunjährigen Matthias (geboren 1961) eine tiefe Sehnsucht nach Normalität hervorruft. Bereits der Titel „Raumpatrouille" ist eine Anspielung auf die Erforschung des Weltraums und die Ausdehnung von Phantasiewelten in eine neue Dimension, die mit der ersten Mondlandung einhergeht. Es steckt eine Menge nostalgisches Potential in diesem kleinen Buch. Die Accessoires und der Zeitgeist der alten Bundesrepublik werden in den Beobachtungen des Kindes quasi en passant eingefangen. Gleichzeitig aber geschieht in „Raumpatrouille" genau das, was immer geschieht, wenn die Schwierigkeit eines Erzählens aus Kinderperspektive erfolgreich bewältigt wird: Der unverdorbene, unschuldige Blick hat etwas ungeheuer Entlarvendes, Erhellendes, Enthüllendes. Er betrachtet die Rückseite der offiziellen Bilder, die sich im kollektiven Gedächtnis eines Landes festgesetzt haben.

Hochkomisch beispielsweise das Kapitel, in dem der Vater nach einem Streit mit dem Sohn und einem gewissen Herrn Wehner eine Fahrradtour unternehmen soll, um Bilder für eine offizielle Versöhnung zu liefern. Der Junge hat den Vater noch nie auf einem Fahrrad gesehen; es muss zunächst extra eines angeschafft werden. Der Ausflug endet nach wenigen Metern in einem Sturz; Brandt lässt das Fahrrad fluchend fallen und geht rauchend ins Haus; zurück bleibt ein konsternierter Herr Wehner; der Sohn macht die Fahrradtour allein. „Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen", sagt er sich noch. Es steckt auch viele enttäuschte Liebe in diesem Buch. Und ein intuitives Aufbegehren gegen äußere Zwänge, gegen die Polizisten und Wachleute, die sich permanent auf dem Grundstück aufhalten, gegen den peinlichen Umstand, dass alle anderen Väter einen Führerschein haben und nur der eigene Vater ständig von einem Chauffeur durch die Gegend gefahren wird.

Als der kleine Matthias einmal bei einem Schulfreund übernachtet, überwältigt ihn die Freude über seine Teilhabe an einem ganz normalen Familienabend – gemeinsames Abendessen, Fernsehschauen im Jogginganzug – bis er in der Nacht entsetzliches Heimweh bekommt. Überall in „Raumpatrouille" scheint die Ambivalenz auf: Es ist eine behütete und sichere Kindheit, von der hier erzählt wird. Und eine ziemlich leere und einsame noch dazu.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 21.03.2017

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.