Sparte: Sachbuch

Matthias Eckoldt
Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist. Woher wir wissen, wie wir fühlen und denken

Sachbuch

Das Gehirn wird wie das Internet gewesen sein

Das Gehirn ist die komplexeste Struktur, die wir kennen. Seit mehr als 2000 Jahren versuchen Forscher zu verstehen, wie es funktioniert, und doch ist es bis heute allenfalls oberflächlich entschlüsselt. Matthias Eckoldt erzählt die Geschichte der Erforschung unseres Denkorgans samt ihren bisweilen gruseligen Methoden von den ersten Schädeloperationen in der Mittelsteinzeit über die Suche nach der Seele im Mittealter und die Phrenologie des 19. Jahrhunderts bis hin zur modernen Hirnforschung und den sie begleitenden Debatten über freien Willen und Spiegelneuronen. Das Besondere daran: Er reiht nicht einfach die Annahmen der unterschiedlichen Epochen auf, die uns heute zumeist reichlich seltsam vorkommen, sondern zeichnet die Denkwege der Protagonisten nach, erklärt, warum ihre Annahmen innovativ waren und warum sie ihnen plausibel erscheinen mussten. Das rückt die „Kurze Geschichte von Geist und Gehirn" nahe an den Leser heran und macht sie spannend.

Wie ein roter Faden zieht sich zudem eine Beobachtung durch den Text, die nicht neu ist, aber noch nie so sorgfältig ausbuchstabiert wurde: Offenbar neigen Menschen dazu, das Gehirn und sein Funktionieren immer in Analogie zu der gerade am weitesten fortgeschrittenen Technologie zu erklären. Die Wasserversorgung Roms durch ein komplexes System von Brunnen, Zisternen und Aquädukten war selbst nach modernen Maßstäben eine Meisterleistung. Kein Wunder, dass der römische Arzt Galen annahm, der Lebensgeist flösse durch Überlaufen von einem Hirnventrikel in den nächsten und löse so Empfindungen und Körperbewegungen aus. Im Mittelalter schien die Destillation von Hochprozentigem die Reinigung des Lebensgeistes von körperlichen Verunreinigungen zu beschreiben: erst wenn ein gewisser Reinheitsgrad erreicht sei, öffne sich die Klappe zwischen Sinnesdaten und Verstand. Auch Descartes bezog reichlich Anregungen aus der Ingenieurskunst seiner Zeit, bemüht mal eine Weinpresse, mal die Wasserspiele in den Gärten der Fürstenhäuser, mal die imposanten Orgeln der großen Kathedralen als Metapher für das Funktionieren von Nervensystem, Gehirn und Geist. Später, so zeigt der Autor, stellten die Material- und Werkzeuglager der Manufakturen, der Kondensator, die Telegrafenstation und natürlich der Computer das Modell für das Gehirn.

Solche Analogien machen nicht nur das erst ansatzweise erforschte Denkorgan besser vorstellbar, sie prägen, wie der Autor vielleicht ein wenig spekulativ darlegt, auch das Selbstbild der Menschen. Demnach verstehen sich Menschen, die das Gehirn als Getriebe beschreiben, selbst als Rädchen in einem solchen.

Von den Ergebnissen der modernen Hirnforschung zeigt Matthias Eckoldt sich weniger beeindruckt: Bei der Frage aller Fragen, wie das Gehirn den Geist hervorbringt, stehe die Hirnforschung nach wie vor mit leeren Händen da. Der Computer verliere als Modell für das Gehirn langsam seinen Reiz, doch die nächste Metapher stehe schon bereit – das Internet als Sinnbild einer Zeit, in der sich jedermann als Netzwerker begreife. Doch machen wir uns keine Illusionen: Irgendwann, prognostiziert der Autor, wird das Gehirn wie das Internet gewesen sein. Und gegen das feixende Kopfschütteln späterer Generationen seien auch wir nicht gefeit.

Ein spannendes, gut zu lesendes Buch, das ein dichtes Bild der Geschichte der Hirnforschung aus einer sympathisch bescheidenen Perspektive präsentiert.
Manuela Lenzen

Von Manuela Lenzen, 21.03.2017

Manuela Lenzen ist freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt vor allem über die Themen Evolution, Kognition und Künstliche Intelligenz.