Sparte: Sachbuch

Michael Sommer
Syria. Geschichte einer zerstörten Welt

Sachbuch

Vor den Wahrheitskriegen. Michael Sommer untersucht die Geschichte einer zerstörten Welt

Gedächtnisse entstehen nicht – sie werden gemacht. „In keinem Falle aber wird die Vergangenheit um ihrer selbst willen erinnert." (Jan Assmmann, Das kulturelle Gedächtnis.) Diese kulturwissenschaftliche Theorie vom Gedächtnis, das immer in einer bestimmbaren Absicht arrangiert und vermittelt wird, kollektiv und kulturell – auch lebensweltlich, wurde in viele Disziplinen der Geisteswissenschaft produktiv aufgenommen. Sie wendete die Perspektive weg von dem zwar nicht gänzlich aufgegebenen, aber nur regulativen Grenzbegriff der „historischen Wahrheit", hin zu einer respektvollen oder auch ideologiekritischen Analyse der Pluralität von kollektiven Gedächtnissen in Raum und Zeit.

Der Althistoriker Michael Sommer legt mit seiner schmalen Monographie Syria – Geschichte einer zerstörten Welt ein Musterbeispiel einer geschichtswissenschaftlichen Studie vor, die die Überlegungen des Assmannschen Theoriefeldes produktiv aufnimmt, hier zur antiken und spätantiken Geschichte des Kulturraums zwischen Mittelmeer und Tigris. Geradezu brisant ist dieser Text, nicht nur, weil er die historischen Wurzeln des Kulturraums untersucht, den die Römer Syria nannten und der heute so grausam in Guerilla- wie Stellvertreterkriege verstrickt ist, in einer Art „dritten Weltkrieg", wie viele Beobachter heute diagnostizieren, - sondern auch darin, dass er in der Analyse der antiken- und spätantiken Gesellschaftsmodelle und Religionssysteme ein sehr helles, fast neu-humanistisches Bild der verschiedenen imperialen Kulturen und ihrer geistigen Situation zeichnet.

Denn in der antiken und der hellenistischen Götterwelt gab es das Prinzip der „Übersetzbarkeit" in Sachen religiöser Systeme und Mythologien. Der antike Mythos (auch der jüdische) war ein kollektives „Schreibprojekt" (Michael Sommer), an dem vom Indus bis Britannien mitgeschrieben wurde – zum Wohle aller imperialen Gesellschaften. Zu der strukturellen Mitgliedschaft kam meist das römische Bürgerrecht für eine neue integrierte Region. Das schloss nicht etwa religiöse Konflikte aus. Aber sie waren ganz anderer Natur als die Konflikte, die aus dem „absoluten" Wahrheitsanspruch des fundamentalistischen Monotheismus entstehen sollten (eine relativ späte Entwicklung in der Geschichte des Glaubens an einen ja zunächst all-umfassenden, nicht-dualistischen Gott). Bis heute dauern diese Konflikte an.

Die zentralen Begriffe der imperialen kulturellen Harmonie waren „Pantheon" und „Paideia". Michael Sommer zeigt konzise, knapp und sehr imaginativ an konkreten wie symbolischen Erinnerungsorten des syrischen Raums, etwa Issos, Palmyra, Jerusalem oder Hatra, wie sich gewaltig ausgedehnte Kulturräume relativ friedlich bilden konnten (und bewusst politisch-theologisch und politisch-kulturell gebildet wurden). Räume, die Menschen hervorbrachten, die sich etwa ebenso als kultureller Grieche wie als römischer Bürger und als Jude oder „heidnischer" Syrer verstanden – gleichzeitig. Das Issos-Kapitel über das Reich Alexanders ist dabei sozusagen das Muster im Muster. Hier vermittelt Sommer eine frische, faszinierende und aufschlussreiche Perspektive auf jenes „Schlachtross" der Geschichte (Frank Kafka), ohne das es das Phänomen Hellenismus kaum gegeben hätte. Die Bildung (Paideia) – in griechischer Mythologie, Literatur, Philosophie und Lebenskunst war etwa für die meisten Jersualemer Juden der Jesus-Zeit eine Selbstverständlichkeit. Paideia war das klassische Bildungsprogramm, das alle Lebensbereiche, auch die religiösen und spirituellen wie die philosophischen, umfasste.In den vielen zersplitterten jüdischen Gruppen wie Zeloten, Pharisäern oder Sadduzäern deutete sich schon eine politisch-theologische Verschärfung an, die erst nach der Zerstörung des Tempels durch das rabbinische Judentum „befriedet" werden konnte.

Michael Sommer gelingt es meisterhaft, gleichzeitig nüchtern und höchst anregend, Schlaglichter in die Vergangenheit zu werfen, in deren Schein jedes konkrete Detail gleich einen komplexen Zusammenhang aufscheinen lässt. Und er eröffnet einen, vielmehr mehrere Horizonte, bei deren Betrachtung Klischees fraglich werden: das von der angeblichen Getrenntheit von Orient und Okzident, das von hellenistischer Dekadenz, das von typisch „heidnischer" Gewalt und Unzivilisiertheit. Dagegen versteht man die „horizontale" und „vertikale" Verankerung eines Mitglieds der hellenistischen Kultur (Identität ist dabei das falsche Wort, denn es geht ja um das umfassen einer Pluralität) in einem multikulturellen Raum von Gedächtnis und Geschichte – wobei Geschichte und Mythos zu Ende gedacht, kaum zu trennen sind. Das ist ja eine Pointe der Theorie des kulturellen Gedächtnisses.
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Von Marius Meller, 03.07.2017

​Marius Meller hat Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft studiert und war Redakteur für Literatur bei der Frankfurter Rundschau und beim Berliner Tagesspiegel. Heute lebt er als Autor in Berlin und arbeitet als freier Literaturkritiker für Deutschlandradio und Deutschlandfunk.