Sparte: Belletristik

Thomas Melle
Sickster

Roman

Buchbesprechung

Da treffen drei aufeinander, die es aus der Bahn geworfen hat. Oder waren sie schon von Anfang an gar nicht in der Spur? Magnus Taue zum Beispiel, „der nervöse Supertasker, zerbrechlich von Statur, feingliedrig und übersensibel, war schon vor der Pubertät eine Art Wissender, halb Autist und halb Tourette.“ So etwas kann nicht gut gehen. Aus der Sicht des Geisteskranken sind in Wahrheit stets alle anderen die Verrückten, während er selbst sich in Besitz einer höheren Wahrheit glaubt.

Von diesem Standpunkt aus operiert auch Thomas Melle in seinem Debütroman, der die Krankheit schon im Titel trägt. Ein radikales, mitreißendes und düsteres Buch, dessen erstes Drittel noch die Vermutung weckt, dass Melle, Jahrgang 1975 und 2008 bereits für seinen Erzählungsband „Raumforderung“ mit hohem Lob bedacht, lediglich eine höchst gelungene Fallstudie vorlegt, die Rückschlüsse zulassen könnte auf das überforderte Individuum in der Tretmühle der neoliberalen Wirtschaftswelt.

Erzählt wird von Thorsten Kühnemund, der in der Berliner Zentrale eines international operierenden Mineralölkonzerns Marktstatistiken und Verbraucheranalysen auswertet, um in den einzelnen Filialen für eine Gewinnoptimierung zu sorgen. Einfacher gesagt: Er legt fest, in welchem Regal an den Tankstellen die Colaflaschen und an welcher Stelle die Alkopops zu stehen haben. Thorsten ist ein Wrack: Von der sexualisierten Bilderflut der Medien abgestumpft und auf inneren Dauerporno justiert, durch die Anforderungen der Arbeitswelt zum Alkoholiker geworden, bekommt er alles eben gerade so hin: Beziehung, Affäre, Job. Gerade noch. Noch. Würdelos ist das bereits, und das weiß er. Sein Wissen spült er herunter, mit allem, was so da ist, und es ist immer etwas da. Apfelkorn, Bier, Jägermeister, Wodka-Red Bull. Vor allem letzterer, der Treibstoff der auf gute Laune und Durchhalten getrimmten Agenturgeneration.

Es geht Thomas Melle allerdings nicht um einen weiteren Bret Easton Ellis-Aufguss, das merkt man seiner Sprache an. Sie transportiert keine Langeweile, sondern ist hochgradig aufgeladen, voller Anspannung, bildreich bis an und manchmal auch über die Schmerzgrenze hinaus. Der Schmerz. Und die Welt. Und wie beide sich zueinander verhalten. Darum geht es. Spätestens dann, wenn die Erzählperspektive wechselt, hin zu Magnus Taue, dem Supertasker. Eine Flut von Wahrnehmungen überschwemmt den Roman. „Magnus war einer jener Menschen“, so heißt es, „die sich von der Außenwelt ständig bedrängt fühlten.“ Ein Gefühl, das der Roman umgehend an den Leser weitergibt.

Magnus, Mitte 30, dem, wie die Exposition verrät, bereits Ende der 90er-Jahre eine „sogenannte Schizophrenie“ und noch dazu ein nicht therapierbarer Tinnitus diagnostiziert wurde, heuert bei dem Konzern, bei dem auch Thorsten Kühnemund arbeitet, als Texter an. Und fällt Stück für Stück aus der Welt heraus. Oder die Welt aus ihm. Etwas verändert sich. Das Licht, die Wahrnehmung, die Menschen. Was in der Literatur als Metapher gilt, wird in Magnus Realität: der Stich ins Herz, das Brennen unter den Nägeln. Dicht und konsequent bleibt „Sickster“ an Magnus’ Seite – ein Kreuzweg, der sich zu einer Raserei ausweitet. Wo so etwas endet, lässt sich ahnen – in der geschlossenen Abteilung der Charité. Dort trifft Magnus auf Laura, Thorsten Kühnemunds Freundin. Es wird nicht ihre letzte Station sein.

Ist „Sickster“ ein Roman darüber, wie eine auf Effizienz getrimmte Gesellschaft das Individuum krank macht? Oder darüber, wie ein krankes Individuum sich in eben jener Gesellschaft bewegt, in ihr strandet, an ihr scheitern muss? Das ist eine Frage des Blickwinkels. „Sickster“ beantwortet sie auf seine ganz eigene Weise – es ist kein Buch über Krankheit; es ist vielmehr deren Symptom. Das ist verwirrend und mitreißend zugleich.

Es gibt innerhalb des Textes selbst keinen Fixpunkt, an dem irgendeine Form von Gesundheit im medizinischen Sinne Gestalt gewinnen könnte. Es existiert auch keine Gegenposition mehr, an der sich abgearbeitet wird, es sei denn eine in schizoiden und paranoiden Schüben nur noch als „DIE“ wahrgenommene, amorphe menschliche Masse. Das macht den Roman so gefährlich. Ob sich hinter dieser ungeschützten Form gesellschaftsdiagnostisches Potential verbirgt? Wenn ja, dann liegt es in der Leerstelle, um die Melles verzweifelte Helden atemlos kreisen. Das, was ihnen fehlt und was der Roman unausgesprochen herbeisehnt, ist mit einem altmodischen Wort benennbar: Geborgenheit.       
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 18.05.2012

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.