Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Sonja Bougaeva
Zwei Schwestern bekommen Besuch

Buchbesprechung

Die meisten Menschen freuen sich, wenn sich liebe Verwandte zu einem Besuch ankündigen, vor allem, wenn man sich schon lange nicht mehr gesehen hat. So auch die beiden, schon etwas älteren Schwestern, die in Ruhe und Frieden in ihrem gemütlichen kleinen Haus auf einer Insel leben. Sie bekommen Besuch von ihrem Cousin, und weil dieser praktisch veranlagt ist, beginnt er, kaum angekommen, mit der Reparatur kleinerer Mängel im Haus. Die alten Damen sind entzückt. Doch der Cousin findet immer wieder neue Betätigungsfelder und mit jeder Renovierungs- und vermeintlichen Verbesserungsmaßnahme wird das Heim der Schwestern ungemütlicher. Die Tiere werden – aus Hygienegründen – in den Garten verbannt, die Ernährung wird umgestellt und die Schwestern zum Frühsport genötigt. Aus Höflichkeit lassen sie den Cousin gewähren, werden aber von Tag zu Tag unglücklicher und schließlich sogar krank. Da beschließen sie dann doch, mit ihm zu sprechen. Doch – welch ein Glück! – der Cousin hat bereits selbst beschlossen, nicht länger bei seinen „undankbaren“ Verwandten zu bleiben und nimmt die nächste Fähre. Erleichtert machen sich alle Bewohner des Hauses – Tiere wie Menschen – daran, ihr Zuhause wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Mit dieser kleinen Geschichte und den ausdrucksstarken Illustrationen ist es Sonja Bougaeva gelungen, gleich mehrere Fragen anzusprechen, die für Kinder und durchaus auch für Erwachsene eine wichtige Rolle spielen: Wie sehr dürfen sich andere Menschen in mein Leben einmischen? Wie höflich muss man sein, wenn man das Gefühl hat, dass etwas falsch läuft? Wer weiß, wie man „richtig“ lebt? Muss man sich für Dinge bedanken, die man gar nicht haben will?

Sonja Bougaeva beantwortet diese Fragen nicht, sondern überlässt dies dem Leser. In ihrer Geschichte löst sich das Problem glücklicherweise von allein, doch es ist offensichtlich, dass ein Konflikt unausweichlich gewesen wäre, wäre der Cousin nicht rechtzeitig abgereist. So erinnern sich die Schwestern nachher noch gerne an den Cousin, nur „schade, dass er so beleidigt abgereist war.“

Hier werden die Themen Toleranz und Höflichkeit in einer Weise angesprochen, die der kindlichen Vorstellungskraft sehr gut entspricht. Die Illustrationen sind großflächig und farbintensiv, und die Figuren der Schwestern sind die idealen Sympathieträger: dick und freundlich und zufrieden strahlen sie viel Wärme und Gemütlichkeit aus. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr sacken sie in sich zusammen, die Mundwinkel sinken nach unten und Ratlosigkeit und Bestürzung macht sich auf ihren Gesichtern breit. Gleichzeitig ist aber der Cousin in seinem Eifer und mit all seinen guten Absichten auch für die Kleinsten erkennbar nicht „böse“ – man hat eben einfach unterschiedliche Vorstellungen.

Aufgeweckten Kindern könnte sich bei der Lektüre des Buches durchaus die Frage nach den Grenzen elterlicher Autorität stellen, man denke nur an die leidigen Diskussionen um unaufgeräumte Kinderzimmer oder den Bedank-Dich-Anruf bei der Oma für den letzten Schlafanzug. Wer davor keine Angst hat, für den stellt dieses Buch eine echte Bereicherung der Kinderbibliothek dar.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 18.11.2005