Sparte: Sachbuch

Lorenz Jäger
Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten

Biografie

Die Aura des Intellektuellen
Lorenz Jägers Biografie Walter Benjamins stellt Messianismus und Materialismus eines radikalen Denkers vor, der Politisches, Ästhetisches und Theologisches verschmelzen will

Als Walter Benjamin im September 1940 über die Pyrenäen ins katalanische Portbou flüchtet, hat er zwar ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten bei sich, aber keine Ausreisepapiere für Frankreich. In Portbou droht man, ihn nach Frankreich zurückzuschicken; damit wäre er den Nationalsozialisten, die im Juni in Paris einmarschiert waren und ihn als Juden verfolgten, in die Hände gefallen. In einem Hotelzimmer des Grenzstädtchens nimmt Benjamin sich mit Morphiumtabletten das Leben, 48 Jahre alt war der Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer geworden.

Die große Wirkung seines Werks setzte erst nach seinem Tod ein; ganze Studentengenerationen wurden mit dem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", mit dem Flaneur aus dem „Passagen-Werk" , der „Einbahnstraße" oder dem „Engel der Geschichte" aus den Thesen „Über den Begriff der Geschichte" sozialisiert. Er wurde – und wird – als unorthodoxer Denker im Umfeld der frühen Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie verehrt: eine Lichtgestalt, die doch gerade an der Destruktion der „Aura" interessiert war.

Die Biografie Walter Benjamins, die Lorenz Jäger, Publizist und langjähriger FAZ-Redakteur, nun veröffentlicht hat, legt den Akzent auf die intellektuelle Entwicklung eines Denkers, dessen unvollendetes Werk – so auch der Untertitel, „Das Leben eines Unvollendeten" – von messianischen und materialistischen Ansätzen gleichermaßen geprägt ist. Die Themenspannweite des Kulturkritikers war dabei immens: von der Graphologie über Dadaismus und Surrealismus, die barocken Trauerspiele mit ihrer Todesverfallenheit bis zur stummen Sprache der Dinge und der obskuren Warenwelt der Pariser Ladenpassagen. „Seine Metaphysik hatte von vorneherein die Möglichkeit, mehr noch, die starke Tendenz, in einen eigentümlichen Materialismus der ‚Dinge’ zu kippen – und sein Messianismus war seltsam verbunden mit innerweltlichen, säkularen Glückshoffnungen", so Jäger über den Kulturkritiker, der auf das radikal Neue hoffte: 1913/14 verfasste er eine „Metaphysik der Jugend" und 1917, als Fünfundzwanzigjähriger, ein selbstbewusstes „Programm der kommenden Philosophie".

Zunächst einmal aber beschreibt Jäger die Herkunft Benjamins, der 1892 in eine jüdische Berliner Kaufmannsfamilie geboren wurde. Die großbürgerlich-assimilierte Umgebung der Kindheit wie auch die reformbewegte Jugendzeit skizziert der Biograf knapp, ausführlicher wendet er sich den Freundschaften der Studienjahre zu. 1915 lernt Benjamin den damaligen Mathematikstudenten und späteren Religionshistoriker und Kabbala-Gelehrten Gershom Scholem kennen, der 1923 nach Palästina auswandert; an dieser Freundschaft mit Scholem zeigt Jäger, wie sich Benjamin mit dem eigenen Jüdischsein auseinandersetzt.

„Das kulturelle Feld, in dem sich Benjamin zwischen 1915 und 1925 bewegte, war bestimmt von der Naherwartung ungeheurer weltgeschichtlicher Ereignisse und Wendungen. Der Zionismus ging daran, das fast zweitausendjährige Exil des jüdischen Volkes zu beenden." Im Gegensatz zu Scholem, der früh zum Zionisten geworden war und mit der Assimilation des Elternhauses radikal gebrochen hatte, spielt bei Benjamin „das Jüdische nur eine Teilrolle", wie er in einem Brief an Ludwig Strauss festhält; mit dem „Auswanderungszionismus" und dem „National-Jüdischen" kann er wenig anfangen.

Jäger betont, dass Benjamin immer wieder durch persönliche Beziehungen intellektuell geprägt worden sei; in der Schweiz, wo er von 1917 bis 1919 mit seiner Frau Dora lebt und an seiner Dissertation arbeitet, beeindruckt ihn der Philosoph Ernst Bloch. 1924 lernt er Asja Lacis auf Capri kennen, „eine bolschewistische Lettin aus Riga"; eine Begegnung, die wirkt wie ein „kommunistischer elektrischer Schlag". Ende der zwanziger Jahre kommt es zum Kontakt mit Brecht; Benjamin intensiviert seine Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Später, Mitte der dreißiger Jahre, sucht er sein „Heil in der Entmagisierung". Er konzentriert sich auf die Ware, und „ausgekühlt, fast zwanghaft werden die Funde auf das eine Motiv des Kapitalismus projiziert", wie Jäger bedauernd feststellt. Der Flaneur und Verfasser funkelnder Denkbilder orientiere sich immer stärker an einer „gnadenlosen fixen Idee".

Die Biografie ist dabei weniger an chronologischen Lebensstationen als an „metaphysischen Umwälzungen" ausgerichtet; auch das familiäre Umfeld spielt eine geringere Rolle als die geistigen Welten, in denen sich der Kulturkritiker bewegt. Faszinierend ist, wie Jäger das Changieren zwischen Ding und Ware bei Benjamin nachzeichnet; und originell ist, wie er seinen „physiognomischen" Blick auf die Gestalt des Philosophen mit den Eindrücken der Zeitgenossen von Adorno über die Fotografin Gisèle Freund bis zur Chiromantin Charlotte Wolff belegt (auch wenn man der physiognomischen Lesart dabei nicht folgen muss). Jäger konzentriert sich, anders als vorangegangene Biografen, vor allem auf den Benjamin, der sich brennend für die Ränder des Wissens, für die Verschmelzung politischer, ästhetischer und theologischer Gedanken interessiert – und kommt seinem Protagonisten damit (ohne je ins Verehrungsregister zu wechseln) auf höchst erhellende Weise nah.
Jutta Person

Von Jutta Person, 19.10.2017

Jutta Person ist Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin, sie schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Literaturen" und "Die Zeit". Beim "Philosophie Magazin" betreut sie als Redakteurin das Ressort Sachbücher.