Sparte: Belletristik

Lukas Bärfuss
Hagard

Roman

Jagdszenen aus der Großstadt

Wie sehr die deutschsprachige Gegenwartsliteratur durch ihre österreichischen und schweizerischen Anteile bereichert wird, erweist sich fast in jeder Büchersaison aufs Neue. In diesem Jahr gehört der Schweizer Lukas Bärfuss mit seinem Roman „Hagard" zu den meistdiskutierten Autoren. Was kaum überrascht, wenn man auf den Werdegang des 1971 in Thun geborenen Schriftstellers und Dramatikers zurückblickt, der mit dem Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" bekannt wurde und seitdem immer wieder mit provokanten Stoffen, manchmal auch mit politischen Verlautbarungen die satte Selbstzufriedenheit seines Heimatlandes attackiert hat.

Das französische Wort „hagard" lässt sich mit „wild, scheu, verstört" übersetzen. In der Jägersprache bezeichnet es gefangene Tiere, zumal Raubvögel, die zwar abgerichtet werden können, aber nie vollständig zähmbar sind. Philip, die Hauptfigur des Romans, ist ein Immobilienverwalter Ende vierzig, gefangen in einem durchschnittlichen Alltag zwischen äußerem Effizienzdruck und innerer Leere. Als er an einem Märznachmittag in der Zürcher Fußgängerzone auf einen säumigen Geschäftspartner wartet, bricht die Verstörung in sein Leben ein. Zunächst aus einer Laune heraus, dann zunehmend wie unter einem geheimnisvollen Bann, folgt er einer unbekannten jungen Frau, die aus einem Kaufhaus gekommen ist und sich nun leichtfüßig, in pflaumenblauen Ballerinaschuhen, auf verschlungenen Pfaden durch die Stadt bewegt. Philip kann ihr Gesicht nicht erkennen und verspürt doch eine unwiderstehliche Faszination; er verliert immer wieder ihre Fährte und bleibt ihr doch auf der Spur.

Die Verfolgungsjagd, die den bis dahin unauffälligen Gutverdiener und Vater eines Sohnes zum wildgewordenen Stalker mutieren lässt, führt in die triste Peripherie der Metropole und bringt den Jäger in skurrile bis makabre Situationen. Sie wird außerdem zum Wettlauf mit dem Akku des Mobiltelefons, an dem die gesamte bürgerliche Existenz des Getriebenen hängt. Am Ende, nach gerade einmal sechsunddreißig Stunden, ist diese Existenz vernichtet.

Bärfuss inszeniert die atemlose, tragikomische Odyssee jedoch nicht nur als Parcours einer persönlichen Obsession, sondern zugleich als Panorama der modernen Wohlstandswelt mit ihren lebensfeindlichen Orten und latenten Bedrohungen. Beiläufig wird die Handlung präzise datiert auf jene zwei Märztage des Jahres 2014, in denen die verschwundene Boeing 777 der Malaysia Airlines, die Besetzung der Krim und die asiatische Vogelgrippe die Nachrichten dominierten, und auch die Topographie Zürichs lässt sich in der Realität nachvollziehen, wenngleich die Stadt nicht genannt wird. Die Kunst des Autors besteht darin, in dieser realistischen Raum-Zeit-Konstellation ein vollkommen surreal anmutendes Ambiente zu erzeugen, in dem die „Abschaffung des Menschen", als Vollendung seiner bereitwillig akzeptierten Fremdsteuerung durch digitale Maschinen, mühelos vorstellbar ist.

Vor diesem Hintergrund wirkt der rauschhafte Liebeswahn des Stalkers, in dessen Fantasie das Objekt der Verfolgung allmählich die Züge eines Lichtwesens, ja einer „Göttin" annimmt, wie ein letzter verzweifelter Ausbruch aus einer dystopisch organisierten Gegenwart. Auch wenn die Rahmenhandlung, bestehend aus Rückblicken auf Philips Biographie und einem verrätselt katastrophalen Schluss, nicht ganz so überzeugen kann wie die beklemmende, satirisch zugespitzte Sequenz im Zentrum des Romans, gehört „Hagard" zu den wichtigsten und aufregendsten deutschsprachigen Prosawerken der jüngsten Zeit.
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Von Kristina Maidt-Zinke, 03.11.2017

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.