Sparte: Sachbuch

Gero von Randow
Wenn das Volk sich erhebt. Schönheit und Schrecken der Revolution

Sachbuch

Es war einmal: die Revolution?

Die Nachricht klang skandalös genug, um einen erst 14-jährigen Jungen zu politisieren: Vor 50 Jahren, am 2. Juni 1967 richtete der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras seine Waffe auf den Studenten Benno Ohnesorg, der mit seinen Kommilitonen vor der Berliner Oper gegen den Besuch des Schahs von Persien demonstriert hatte. An diesem Tag ermordete der Polizist den Studenten und feuerte zugleich den Startschuss zu einer Revolte ab, die unter der Chiffre 68 zur historischen Zäsur werden und das Land so weit verändern sollte, dass man es heute nicht wiedererkennt. Eine Revolution? Zumindest das „Parfüm der Revolte", so erinnert sich Gero von Randow, habe damals in der Luft gelegen.

Von Randow, der Journalist, ist ebenjener 14-Jährige, der damals zum ersten Mal auf den Geschmack des Politischen gekommen war: „Ich sah", schreibt er heute, „die Umgebung auf einmal mit anderen Augen. Die Gegenwart kam mir nur noch als Übergangszeit vor, als vorläufig. Jeden Konflikt mit Autoritäten verstand ich als Kampf gegen Verhältnisse, die nicht nur im Detail, sondern als Ganzes ungerecht waren." Nur folgerichtig also, dass von Randow sein Buch mit dieser Kindheitserinnerung beginnt. Es heißt: „Wenn sich das Volk erhebt. Schönheit und Schrecken der Revolution".

Fünfzig Jahre Ohnesorg, hundert Jahre 1917: Allein dieses Doppel-Jubiläum gibt diesem Revolutionsbuch einen Anlass. Natürlich bringt der Autor die russische Revolution zur Sprache, aber auch die Revolutionen, die es seit der französischen in England, Amerika und Lateinamerika gegeben hat. Von Randow erinnert an die Räterepubliken und die chinesische Kulturrevolution, an den deutschen Mauerfall und den Arabischen Frühling. Und verliert darüber die historischen Blaupausen aus der römischen Antike nicht aus dem Blick. Sein überaus gelehrtes Buch ist aber keine akademische Weltgeschichte der Revolte, es entwirft mit großem erzählerischen Schwung eine Typologie des Aufstands und seines Protagonisten, des Revolutionärs. Denn das interessiert den Autor ganz besonders: Wie sich der Einzelne aus dem Moment der Gegenwart in den großen historischen Zusammenhang versetzt, und wie das auf den genealogischen Zusammenhang zurückwirkt.

„Die Brücken in die Vergangenheit", schreibt von Randow, „sind kurz. Über sie wandern die Erinnerungen in die Gegenwart. Diese Erinnerungen werden nicht nur in Seminaren, Organisationen oder in der Literatur tradiert, sondern auch in Familien und daher nicht nur ins Bewusstsein, sondern auch ins Gefühlsleben. Die Botschaften, die diese Erinnerungen überbringen, kann unterschiedlich verstanden werden. Vielleicht so: Das waren schlimme Zeiten, früher. Oder aber so: Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Und: Es gab eine Hoffnung auf eine bessere Welt."

Hoffnung? Gero von Randow lässt am Ende offen, wie viel Revolution die Welt – oder sagen wir lieber, der Kapitalismus – überhaupt nötig hat. Er verweist darauf, dass die Lenin-Mumie den Leninismus überdauert hat: „Das Kapital konserviert seine Gegner. Es kann sogar daraus noch Profit schlagen. Manchmal allerdings versuchen Leute, das Mausoleum zu stürmen, um Lenin aufzuwecken, wie sie sagen. Man behandelt sie als Verrückte."

So bleibt am Ende des Buches eine Frage offen: Soll oder darf man darauf vertrauen, dass das Konzept der Revolution noch lange nicht in Vergessenheit geraten ist, so dass die herrschenden Verhältnisse auch künftig gründlich umgestürzt werden können? Oder muss man sich der Standortbestimmung des ex-kommunistischen Historikers François Furet anschließen: „Da sind wir also, verdammt dazu, in jener Welt zu leben, in der wir leben." Gero von Randow ist ehrlich genug, das in der Schwebe zu lassen.
Ronald Düker

Von Ronald Düker, 03.11.2017

​Ronald Düker ist Kulturwissenschaftler und Journalist und schreibt für DIE ZEIT sowie verschiedene Magazine. Er lebt in Berlin.