Sparte: Belletristik

Inka Parei
Die Kältezentrale

Roman

Buchbesprechung

Ein Mann erhält einen Anruf, es ist seine frühere Ehefrau Martha, und mit ihr kehrt die Vergangenheit unerwartet in sein Leben zurück. Martha ist an Krebs erkrankt, und damit eine genaue Diagnose gestellt und möglicherweise eine geeignete Therapie gefunden werden kann, müssen zwanzig Jahre zurückliegende Ereignisse geklärt werden. Sterbenskrank bittet sie ihn aus der Klinik um seine Hilfe. .

Der namenlose Ich-Erzähler bricht nach Berlin auf, in die Stadt seines früheren Lebens. Die Suche nach den Umständen und Hintergründen eines im Mai 1986 aus der Ukraine kommenden Lastwagens, mit dem Martha damals in Berührung gekommen war, katapultiert ihn aus der vermeintlich sicheren Gegenwart hinein in die Beschäftigung mit einer, wie er dachte, längst abgeschlossenen Zeit, die sich jedoch auf Schritt und Tritt als sehr gegenwärtig erweist und aus einer Frage nur die nächste entstehen lässt: War der Lastwagen radioaktiv verstrahlt? Was genau machte Martha damals in dem Wagen? Was hat das mit Hansmanns Tod zu tun, für den er sich verantwortlich fühlt? .

Inka Parei, die in Berlin lebende Nossack- und Bachmann-Preisträgerin, entwickelt aus diesem Setting die einzigartige Geschichte einer verzweifelten Orientierungssuche von identitäts- und geschichtspolitischer Dimension. Dass diese Reise anders als viele gängige zeithistorische Erkundungen mit einer Spannung aufwartet, die eine große Sogwirkung entfaltet, liegt an der gekonnten Verbindung von geschichtlicher Spurensuche und persönlicher Erinnerung, wobei letztere sich immer wieder als erstaunlich unzuverlässig erweist. . »Wir nannten den Raum die Kältezentrale.« Der Protagonist gehörte 1986 zu den Technikern, die das Neue Deutschland, genauer das Gebäude des SED-Zentralorgans mit der notwendigen Klimatisierung versorgten. Die Deutungshoheit des real-existierenden Sozialismus wird hier zurückgeführt auf eine auch allegorisch zu lesende Schalt- und Produktionsstelle: das Funktionieren der Propaganda, die Kälte der ostdeutschen Diktatur verdankt sich einer »Turboverdichter« genannten Maschine. Die Tätigkeit der Arbeiter wird so mit dem Bildreservoir des Kalten Krieges aufgeladen, ist stets ein Kampf an vorderster ideologischer Front. Die Kältemetaphorik wird zugleich zum Schlüssel für persönliche Beziehungen: »Sie hat mir Kälte vorgeworfen«, heißt es über Marthas Weggang, dabei hätte gerade sie ihm nur »die Wärme geben« müssen, »die ich so dringend brauchte«. .

Für den Erzähler ist Kälte »mehr als niedrige Temperaturen. Sie war Selbstbeherrschung, Vernunft, die das Unkontrollierbare von Gefühlen bezwang«, doch die Kältezentrale des Systems ist alles andere als das: Die Arbeit für die konstante Temperierung der oberen Bereiche setzt die Techniker extremen Temperaturschwankungen aus, unter ihnen herrscht ein Klima der gewalttätigen Aggression – statt rationaler Kühle wird hier auf einmal hitziger Einsatz gefordert. Die Erinnerungsarbeit konfrontiert den Erzähler mit seinem damaligen Zustand der Einsamkeit und Isolation. Erinnerungsschicht um Erinnerungsschicht wird hier abgetragen, und so erhält die Klärung der Vergangenheit einen nicht nur für Marthas Krebsdiagnose lebensentscheidenden Stellenwert: »Es gab ja diesen Teil in mir, der stets hiergeblieben war. […] seit meinem Weggang aus dieser Stadt [war] etwas in mir unvollkommen geblieben«. Pareis Text lässt hier die gebrochene, die beschädigte Biographie als Folge des letzten deutschen Unrechtsstaats ohne überzogene Dramatisierung greifbar werden. .

Der so entworfenen Identitätssuche verleiht Parei trotz vielfacher Vor- und Rückblenden ein atemberaubendes Tempo, und das nicht nur durch den thriller- und krimiartigen »Wettlauf mit der Zeit« – wie es an einer Stelle wörtlich heißt. Sie verdichtet die Sprache zu einer geradezu wortkargen Knappheit von hoher Authentizität und verschränkt diese mit rasch wechselnden, teils (alb-)traumartig wirkenden Szenen, die der drängenden Frage nach Wahrheit und Eindeutigkeit zusätzlich den Boden entziehen.

Inka Parei gelingen dabei scheinbar en passant – wie mit den »Ost-West-Diskussionen« während der ersten Ehe des Erzählers, in der sich die »Masse des Gesprochenen [...] in den Jahren zwischen uns aufgetürmt hat« – schlaglichtartige und stimmige Miniaturen deutscher Zeitgeschichte und Befindlichkeiten. Vor allem aber gestaltet sie diese Suchbewegung gerade in ihrer undogmatischen Undurchsichtigkeit zu einem genuin aufklärerisch-emanzipatorischen Projekt: »Erst wenn ich all diese Einflüsse genauer bestimmen könnte, wäre ich endlich von ihnen frei.« Dass es die junge gegenwärtige Literatur ist, die diese gesamtdeutsche Gemengelage in ästhetisch überzeugender Weise zu reflektieren vermag, ohne dabei artifiziell zu wirken, ist sicherlich nicht das schlechteste Zeichen für den erreichten Stand jüngster Vergangenheitsbefragung. 
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Von Michael Sellhoff, 18.05.2012

​Michael Selhoff arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der CAU Kiel und ist freiberuflicher Lektor.