Sparte: Sachbuch

Volker Hagedorn
Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies

Sachbuch

Klingende Landschaft. Auf den Spuren der Familie Bach

Unter den Komponisten von Weltgeltung, die Europa in den letzten tausend Jahren hervorgebracht hat, nimmt Johann Sebastian Bach eine herausragende Stellung ein: Vielen gilt er als ein Übervater der Musik, allwissend und unübertrefflich. Das war nicht von Anfang an so. Zu seinen Lebzeiten wurde sein Schaffen weniger beachtet als das seiner Kollegen Händel und Telemann, und nach seinem Tod dauerte es fast achtzig Jahre, bis die Berliner Wiederaufführung eines seiner größten Chorwerke, der „Matthäus-Passion", die sogenannte Bach-Renaissance einleitete.

Sie ging einher mit einer kultischen Verehrung des barocken Musikgenies, die mit dem Erstarken des deutschnationalen Geistes und Ungeistes auch problematische Seiten offenbarte. Bach wurde vereinnahmt, musikalisch von den Romantikern, politisch später sogar von den Nationalsozialisten. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Geniekult des 19. Jahrhunderts, an dem die DDR, im Besitz sämtlicher Bach-Gedenkstätten, fleißig mitstrickte, einer aufgeklärten Bach-Rezeption in Deutschland noch lange im Weg.

Je mehr aber, auch international, das Interesse an einer historisch informierten Aufführung seiner Werke wuchs, desto mehr festigte sich die Erkenntnis, dass ein Genie nicht aus dem Nichts kommt, sondern vor einem kulturellen und familiären Hintergrund heranwächst, der die Entfaltung seines Talents begünstigt. Zunehmend richtete sich die Aufmerksamkeit nun auch auf die Vorfahren des Vergötterten, jene weitverzweigte, im Thüringen des 17. Jahrhunderts ansässige Sippe, die von dem aus Pressburg eingewanderten Bäckermeister Vitus Bach abstammte und aus der schon vor Johann Sebastian eine Reihe bedeutender Musiker hervorging. Ihre Werke sind noch stärker ins Licht gerückt, seit um die Jahrtausendwende das lange verschollene „Altbachische Archiv" mit den Notenhandschriften, noch vom berühmtesten Bach selbst gesammelt, nach Berlin zurückgekehrt ist.

Volker Hagedorn, einer der renommiertesten deutschen Musikkritiker und passionierter Bratschist, hat sich in der Familiengeschichte der Bachs auf Spurensuche begeben und ein ungewöhnliches Sachbuch geschrieben, das sich etwa zu gleichen Teilen auf Quellenforschung, Ortsbesichtigung und Imagination gründet. „Bachs Welt" erzählt von einer europäischen Epoche, die von Umwälzungen und Kriegen, Seuchen und Hungersnöten gekennzeichnet war und trotzdem, oder gerade deshalb, viele der schönsten und bewegendsten Werke der Musikgeschichte hervorbrachte. Der Autor schildert Thüringen als eine Landschaft, die unter den Geißeln des Zeitalters dennoch eine blühende und lebendige war - vor allem aber eine klingende, denn Musik durchdrang damals das öffentliche und private Leben in einem heute kaum vorstellbaren Ausmaß.

So konnte sich in der begabten Familie Bach eine Dynastie von Hof-, Stadt- und Kirchenmusikern herausbilden, die, zum Teil unter schwierigsten Bedingungen, diese Landschaft nachhaltig prägten. Volker Hagedorn hat die Stätten ihres Wirkens besucht und Spezialisten befragt, er hat penibel recherchiert, sich aber auch in seiner Fantasie tief hineinbegeben in den Alltag des Clans. Hochzeiten und Familientreffen, Krankheiten und Begräbnisse, Sitten und Gebräuche führt er uns lebhaft und farbig vor Augen - kühn genug, einiges zu erfinden, doch dabei fest in einem sozialhistorischen Bezugsrahmen verankert, der dieses Vorgehen legitimiert.

Die Entstehung der musikalischen Werke versucht er jeweils vor ihrem geschichtlichen und persönlichen Hintergrund zu rekonstruieren, und wenn er die biblischen und die barocken Texte zitiert, die von den Bachs vertont wurden, außerdem den thüringischen Barockromancier Grimmelshausen zu Wort kommen lässt, transportiert er die Zeitstimmung auch mit literarischen Mitteln – was die Übersetzung zu kreativen Lösungen herausfordert. Den Abschluss bildet eine Art Forschungskrimi in Kurzfassung, die Odyssee des „Altbachischen Archivs". Die spannende Mischung aus Dokumentation und Fiktion zeigt, dass das deutschsprachige Sachbuch sich auf neuen, experimentierfreudigen Wegen befindet.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 09.01.2018

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.