Sparte: Belletristik

Thomas Melle
Die Welt im Rücken

Roman

"Neuronenfeuer im Kopf"

Über kaum ein Buch wurde im Bücherherbst 2016 so intensiv diskutiert wie über Thomas Melles „Die Welt" im Rücken, ein autobiografischer Text, in dem Melle von seiner Krankheit berichtet. Früher nannte man das, wogegen Melle ankämpft, „manisch-depressiv"; heute heißt es „bipolare Störung". Zunächst einmal wurde die Frage gestellt: „Ist das überhaupt Literatur?" Allein das ist in Zeiten, in denen autofiktionale Projekte wie das von Karl Ove Knausgard nach kurzer Zeit bereits zu Kultbüchern geworden sind, ein tendenziell obsoleter Zweifel. Ja, „Die Welt im Rücken" ist Literatur; es ist große Literatur.

Denn wie sonst sollen wir einen Text nennen, der uns in seiner ungeheuren Sprachkraft mitreißt und verzweifeln lässt; der uns in Situationen von tiefstem menschlichen Elend hineinführt; der uns mit unseren eigenen Peinlichkeiten und unserem Voyeurismus konfrontiert und uns noch dazu, das darf man nie vergessen, einen riesigen Erkenntnisgewinn beschert? Wenn das keine Literatur ist, was also sonst. Melle hat auf die Gattungsbezeichnung „Roman" verzichtet. Aber das ist nicht wichtig, denn im Grunde radikalisiert er in seinem neuen Buch nur jenen Ansatz, der in seinen beiden voran gegangenen und ausgezeichneten Büchern „Sickster" und „3000 Euro" begonnen hat: Er erzählt virtuos ein Krankheitsbild aus und verknüpft seine Erzählung mit dem gesellschaftlichen Umgang damit.

Ein „gescheiterter Bildungsroman" sei das Buch, sagt Melle selbst. Die Welt kommt dem schreibenden Ich zusehends abhanden. Und das Ich sich selbst wiederum auch. Es kippt etwas. In der eigenen Wahrnehmung und in der Art und Weise, wie die Umwelt dem Erzähler begegnet. Es geht um ihn, nur noch um ihn. Er hat Sex mit Madonna und schüttet im Berghain ein Glas Rotwein über Pablo Picassos Hose. Er verkauft seine Bibliothek, ist finanziell am Ende, prügelt sich und wird geprügelt. Im Krankheitszustand wird ihm alles zum Zeichen; die Welt ist eine einzige riesige Verschwörungstheorie, die sich gegen ihn richtet, die es auf ihn abgesehen hat. Der Erzähler rast und tobt, er stiehlt und provoziert. Und er ist in seinen manischen Phasen nicht mehr in der Lage, sich selbst aus der Distanz zu betrachten. Erst wenn sie vorbei sind, kann er analysieren, was mit ihm geschehen ist, bevor es wieder losgeht. Man erinnert sich noch an Thomas Melles, freundlich gesagt: exzentrischen, Auftritt bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur im Jahr 2006. In „Die Welt in Rücken" lesen wir, welche Qual, welches permanente Neuronenfeuer ihn in diesen Momenten vor der Fernsehkamera anfiel.

„Die Welt im Rücken" ist eine phasenweise schwer erträgliche, aber jederzeit faszinierende Lektüre. So fühlt es sich also an, wenn ein Mensch, in dem die Stürme toben, sich dabei zu sehen muss, wenn er nicht mehr er selbst ist. Und wenn er das Vermögen besitzt, darüber zu reflektieren: „Ich sitze da und bin ein Gegenstand. Ich gehöre nicht mehr zur Klasse der Menschen, sondern zu der der unbelebten Gegenstände, Dinge, Objekte: seelenlos und tot. Die Menschen um mich herum sind, obwohl ich es besser weiß, ebenfalls nur noch unbelebte Gegenstände. Ihre Worte, wenn es noch welche gibt, erreichen mich kaum." Und ein paar Zeilen später schreibt Melle: „Ich bin vierundzwanzig, aber die Zeit ist verloren, und ich in ihr." Er schämt sich und versinkt in dieser Scham. Er wird in die Psychiatrie eingewiesen, nimmt Tabletten, die ihn dick machen und ruhig stellen, in jeder Hinsicht. Bis es wieder losgeht.

Beeindruckend ist die Sprache, in der Melle von seinem Niedergang erzählt: Sie schlägt in alle Richtungen aus, dreht hochtourig auf und ist trotzdem vollkommen unter der Kontrolle eines souveränen Autors. „Die Welt im Rücken", das ist die hohe Kunst, ist bei allem Schmerz und bei aller Wut, die transportiert wird, kein pathetisches Buch. Mit möglicherweise einem Lichtschein am Ende des Tunnels: Die Bibliothek jedenfalls, die Melle zu Beginn seines Berichts verschleudert hat, wächst wieder. Sollte er eine weitere Manie haben, so schreibt er, möge ihm jemand dieses, sein eigenes, Buch in die Hand drücken.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 21.03.2017

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.