Sparte: Belletristik

Jonas Lüscher
Kraft

Roman

Herbst der Opportunisten

Vor vier Jahren landete der in München lebende Schweizer Jonas Lüscher, studierter Philosoph, einen Überraschungserfolg mit der Novelle „Frühling der Barbaren". Gegenwartsthemen wie Globalisierung, Finanzkrise und arabischer Frühling wurden darin leicht surreal und überaus scharfsichtig, mit hoher Sprachkultur und zugleich unterhaltsam abgehandelt. Danach konnte es kaum erstaunen, dass auch Lüschers in diesem Frühjahr erschienenes Romandebüt „Kraft" im deutschen Literaturbetrieb großes Aufsehen erregte, für Diskussionen sorgte und bei der Kritik überwiegend Begeisterung hervorrief. Abermals ist es dem 1976 geborenen Autor gelungen, einen politisch brisanten Stoff in eine ebenso spannende wie geistreiche und amüsante Erzählung zu verwandeln – auch hier wieder in einer sichtbar an Thomas Mann geschulten, doch stets luziden und leichtgängigen Sprache.

Richard Kraft, die Hauptfigur, ist ein deutscher Intellektueller Mitte Fünfzig, beruflich erfolgreich als Rhetorikprofessor auf dem Tübinger Lehrstuhl des berühmten Walter Jens, im Privatleben jedoch glücklos, weil sein Karrierestreben ihm keine Zeit gelassen hat, menschliche Qualitäten wie Einfühlung und Beziehungsfähigkeit zu entwickeln. Da er dringend Geld braucht, um seine zweite Scheidung zu finanzieren, nimmt er an einem wissenschaftlichen Wettbewerb im kalifornischen Stanford teil, bei dem ein Preis von einer Million Dollar winkt. Der Dotcom-Milliardär Tobias Erkner, der auf schwimmenden Inseln im Ozean „neue Gesellschaftsmodelle" entwickeln will, hat diese Summe für eine zeitgemäße Beantwortung der Theodizee-Frage ausgeschrieben – allerdings im Sinne der Welt- und Selbstoptimierungs-Hybris des Silicon Valley: „Warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können".

Richard Kraft ist zu arrogant, um sich die Lösung der Aufgabe nicht zuzutrauen, und zu intelligent, um deren Absurdität nicht zu durchschauen. Gefangen in diesem Zwiespalt und durch eine Schreibblockade stillgestellt, lässt er sein Leben und seine Laufbahn (und nebenbei auch seine gescheiterten Frauengeschichten) Revue passieren. In jungen Jahren hat er sich, aus schierem Opportunismus, auf die Seite der Neoliberalen geschlagen, um sich von der linken Studentenbewegung abzusetzen und dabei von der Förderung durch einschlägige Institutionen zu profitieren. Wunderbar treffsicher schildert Lüscher jenes politische Milieu und die Atmosphäre der Bundesrepublik in Vorwende-Zeiten, obwohl er sie nicht selbst erlebt hat. Aus eigener Anschauung kennt er hingegen den Stanford-Campus, wo er neun Monate forschte, und die Silicon-Valley-Szene in ihrem technologischen Fortschrittsrausch. Beides liefert ihm Stoff für satirische Beobachtungen und messerscharfe Gegenwartsanalysen, die in der zeitgenössischen Literatur von einigem Seltenheitswert sind.

Und ganz allmählich lässt er das aus Selbsttäuschungen und Prestige-Gier errichtete Weltbild seines Helden kollabieren: Kraft, der immer mehr zur Karikatur seines eigenen Namens wird, muss sich seine Irrtümer eingestehen und sich seinem lebensgeschichtlichen wie geistigen Bankrott stellen. Die neoliberale Ideologie, mit der er einst aus Distinktionsgründen liebäugelte, ist globaler Mainstream geworden, und die humanistische Elite Europas, zu der er sich zählte, hat dem Vormarsch des digitalen Totalitarismus nichts mehr entgegenzusetzen. Der Protagonist wird an dieser traurigen Einsicht zerbrechen, wenn auch auf hochkomische Weise. Der Autor dagegen hat sie fruchtbar gemacht für einen der kraftvollsten und klügsten deutschsprachigen Romane des Jahres.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 01.03.2018

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.