Sparte: Belletristik

Clemens Meyer
Die stillen Trabanten

Erzählung

Nachtstücke

Der Schriftsteller Clemens Meyer hat möglicherweise ein Imageproblem, an dem er selbst nicht komplett unschuldig ist. Zu früheren Zeiten feierte er schon einmal wild ausgelassen, wenn er einen Literaturpreis gewann, und gab auch ansonsten mit einer gewissen Koketterie den leicht angeprollten Ossi. Dazu passte dann auch noch das Sujet seines ungemein erfolgreichen Debütromans „Als wir träumten": Underdogs, Schlägereien, wilder Postsozialismus in Leipzig. Fertig war das Klischee, das man bei Bedarf aus der Schublade ziehen konnte.

Dass Meyer ein unglaublich präzise arbeitender, sprachlich reflektierter Autor ist, bewies er mit seinem Roman „Im Stein" (2013), allerdings passte da das Thema wieder so gut. Rotlichtmilieu, alles klar. Wer so noch immer denkt, hat erstens nicht Meyers furiose Frankfurter Poetikvorlesung gehört, vor allem aber zweitens nicht seinen neuen Erzählungsband „Die stillen Trabanten" gelesen. Ein Buch, das beinahe so wirkt, als hätte ein Autor seine schussfeste Weste abgeworfen und präsentiere sich nun ungeschützt. In „Die stillen Trabanten" zeigt sich kein anderer Autor als der, den man bislang kennen lernen konnte, aber Clemens Meyer demonstriert darin in aller Offenheit, dass hinter der Härte Verletzlichkeit und hinter seinem Schreiben eine große Menschenfreundlichkeit stehen muss.

Leipzig, nicht Meyers Geburts-, aber seine Lebensstadt, ist der Schauplatz der insgesamt neun Erzählungen, die, in drei Blöcke geteilt, jeweils von einer kurzen Ouvertüre eingeführt werden. Fast sämtliche der Geschichten sind Nachtstücke, und sie erzählen von Menschen, die sich normalerweise unter unserem Wahrnehmungsradar bewegen dürften. Sie gleiten förmlich durch die Dunkelheit, sie sind angeschlagen oder ausgesondert, haben einen Knacks, einen Schicksalsschlag oder einen biografischen Bruch erlitten. Manchmal mutmaßt man das auch nur; man denkt, es müsse so sein, sonst wären diese Leute nicht so verkapselt in sich, so verloren in ihrer Welt, in der sie trotzdem noch irgendwie funktionieren müssen.

Eine der schönsten Erzählungen des Bandes heißt „Späte Ankunft". Da ist Frau Fischer, eine der vielen Wendeverliererinnen, wie sich mutmaßen lässt. Sie reinigt im Schichtbetrieb am Leipziger Hauptbahnhof die Züge. In letzter Zeit scheint sie etwas nachlässig geworden zu sein; es hat eine Rüge gegeben. Nach Feierabend läuft sie an den Gleisen entlang zum Bahnhof, sitzt in einer Kneipe und trinkt das, was sie „kleine Maria" nennt; einen Kaffee mit einem Mariacron darin. Manchmal vergisst sie, nach der Arbeit ihre orangene Arbeitsweste auszuziehen. Das kümmert niemanden. In der Kneipe lernt sie eines Tages eine Frau kennen; Birgitt mit Doppel-T, Anfang 60, von Beruf Friseurin, nicht Friseuse. Und zwischen diesen beiden einsamen Frauen entspinnt sich etwas. Eine Freundschaft, vielleicht sogar mit einem leicht erotischen Anklang, doch all das bleibt in der Schwebe.

Clemens Meyer transportiert Wahrheiten über Details und kleine Beobachtungen, über den Augenblick. Und es ist bemerkenswert, wie er das Ensemble seines nächtlich gestrandeten Personals in kleinen, atmosphärischen Stimmungsbildern einfängt: „Und wieder nickten sie beide und blickten irgendwohin, aneinander vorbei, die Scheiben, die das Innere der Bahnhofskneipe zu ihnen spiegelten, die anderen Tische und Stehtische, der Dicke, der irgendwo nachschenkte, der Dicke, der wie ein Lehrer aussah, die runde Brille auf der schweißglänzenden Nase, Bierschaum auf Gläsern, ein Mann lehnte auf der anderen Seite des Raums am Spielautomaten und warf Geld nach, und die bunten Lichter des Spielautomaten flackerten auf seinem Gesicht, Rauch überm Viereck des Tresens, ein Mann aß eine Bockwurst an einem Stehtisch, das Radio war so leise, dass sie es kaum hörten."

In einer anderen Geschichte nimmt ein junger Mann in der verwahrlosten Wohnung einer alten Frau, in die er durch Zufall geraten ist, die Rolle des Enkels ein, der sich als Soldat in Afghanistan befindet. Sie irren durch die Nacht, sie suchen nach Trost oder nur nach ein paar Minuten der Gemeinsamkeit, des Teilens. Clemens Meyer hat für seine Erzählungen einen behutsamen, dezenten Tonfall gefunden, den viele ihm, siehe Imageproblem, nicht zugetraut haben. Doch umso leiser Meyer in diesem Buch spricht, umso deutlicher bringt er seine randständigen Figuren zum Leuchten.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 05.03.2018

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.