Sparte: Belletristik

Christoph Ransmayr
Cox oder Der Lauf der Zeit

Roman

Die Vermessung der Ewigkeit

Seit seinem Romandebüt Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984) wird der 1954 geborene Österreicher Christoph Ransmayr zu den anregendsten Schriftstellern im deutschen Sprachraum gezählt. Sein zweiter Roman Die letzte Welt (1988), inspiriert von Ovids Metamorphosen, brachte ihm internationalen Ruhm ein. Seine Bücher sind die Frucht realer Weltreisen und imaginierter Zeitreisen in ferne Epochen. Sie handeln von der Entdeckung fremder Wirklichkeiten und der Konfrontation verschiedener Kulturen, und oft verbinden sie eine spannende Handlung mit philosophischen Fragestellungen und essayistischem Tiefgang. Denn für Ransmayrs Helden ist das Reisen weniger Abenteuersuche und Eroberungsfahrt als vielmehr die Flucht aus einer Lebenskrise, eine Übung in Demut und ein Weg zum eigenen Selbst.

Das gilt auch für die Hauptfigur des jüngsten Ransmayr-Werkes Cox oder Der Lauf der Zeit. Alister Cox, um die Mitte des 18. Jahrhunderts der berühmteste Uhrmacher und Automaten-Erfinder Europas, besitzt Manufakturen in London, Liverpool und Manchester und beliefert die Herrscherhäuser der Welt. Aber nach dem Tod seiner fünfjährigen, abgöttisch geliebten Tochter hat er den Glauben an den Sinn seines Tuns verloren: Er verfällt in Schwermut und baut keine Zeitmesser mehr. Als er von Kaiser Qiánlóng, einem passionierten Uhrensammler, nach China eingeladen wird, begibt er sich mit drei Gefährten auf die siebenmonatige Schiffsreise, um Ablenkung und Vergessen zu finden.

Doch der forschungs- und schönheitsbesessene Herrscher, der in seinem Reich sogar den Ablauf der Jahreszeiten bestimmt, hat einen Auftrag für den Gast: „Der Kaiser wollte, dass Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten [...] den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit." Da eine Verweigerung lebensgefährlich wäre, fertigt der geniale Mechaniker zuerst eine „Winduhr", dann eine „Glutuhr" und macht sich schließlich an ein Werk, das „über alle Menschenzeit in den Sternenraum hinausschlug, ohne jemals stillzustehen" – das Perpetuum Mobile.

An der Verwirklichung dieses Menschheitstraums versuchte sich auch James Cox, der historisch verbürgte englische Uhrmacher, von dem der Autor für seinen Romanhelden einige Attribute entlehnt hat. Jener Cox lieferte tatsächlich Uhren an Quiánlóng, der laut Nachwort als einziger chinesischer Kaiser nach Jahrzehnten der Macht auf den Thron verzichtete. In der Realität sind sich die beiden nie begegnet. Im Roman vollzieht sich zwischen Besucher und Gastgeber eine Annäherung, die ihren Grund in einer gemeinsamen existenziellen Erfahrung hat: Einsamkeit, Todesfurcht, Kontrollwahn, aber auch die Gabe der Poesie verbinden über alle Distanzen hinweg den britischen Tüftler und den Regenten eines bis ins letzte Detail durchgestalteten asiatischen Feudalstaates.

Ransmayr hat eine zeitphilosophische Parabel verfasst, die zwei Kulturen aufeinanderprallen lässt und dabei zum Leuchten bringt. Märchenhafte Beschreibungen des chinesischen Kaiserreiches, des Palastzeremoniells und seiner zuweilen grausamen Rituale stehen kundigen Schilderungen des von der Aufklärung geprägten englischen Handwerksmilieus gegenüber, und beide Lebenswelten werden in einer so kunstvollen, zugleich sinnlich lebendigen und anschaulichen Sprache porträtiert, dass der Eindruck literarischer Zeitlosigkeit entsteht.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 21.03.2017

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.