Sparte: Belletristik

Uwe Timm
Ikarien

Roman

Die Kehrseite der Utopie
Der neue Roman von Uwe Timm dreht sich um Rassentheorie und Eugenik

Als im Juli 1943 die Bomben der Alliierten auf Hamburg fielen und der Feuersturm ganze Stadtviertel verschlang, war Uwe Timm drei Jahre alt. Riesige brennende Bäume zählten zu seinen ersten Erinnerungen. Die Verwicklungen des älteren Bruders, der sich freiwillig zur SS meldete und 1943 an seinen Verwundungen starb, wirkten auf den Schriftsteller wie ein Imperativ. Ohne jedes Pathos, aber erzählerisch kraftvoll arbeitete Uwe Timm in vielen seiner Romane den Nationalsozialismus und die eigene Herkunftsgeschichte auf. Dabei gerieten die blinden Flecken der deutschen Vergangenheit in den Blick: das larmoyante Schwadronieren über das Erlittene, die Taubheit der Elterngeneration und die mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen für die Nazizeit. In seinem neuen Buch Ikarien fahndet Timm nach den Ursprüngen der Eugenik, der Erbgesundheitslehre.

Ikarien ist ein Sehnsuchtsort. Eine Kommune, wo Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen, es keinen Privatbesitz gibt, man gemeinsam arbeitet, lernt, speist und feiert, jeder ein Handwerk ausübt und auf seine Weise glücklich werden kann. So jedenfalls stellen es sich Karl Wagner und Alfred Ploetz vor, als sie 1884 aus Zürich in die USA reisen und die Gemeinde der Ikarier in Iowa mehrere Monate lang besuchen. Die beiden jungen Männer, kommunistische Studenten der Medizin und Ökonomie, hatten Étienne Cabet gelesen, den Gründer der ersten ikarischen Gemeinde, und sich für dessen Ideen begeistert. Eine klassenlose Gesellschaft, viel Platz, Gesundheit, das wäre es doch! Aber die Ikarier entpuppen sich als kleinmütige, verhutzelte Spießer, die Karl wegen einer zarten Romanze an den Pranger stellen und die Besucher der Zerstörung bezichtigen. Aus der neuen Kommune wird nichts. Ploetz allerdings fühlt sich in seiner Mission, den Menschen verbessern zu wollen, eher noch bestärkt.

Uwe Timm nimmt sich einen historischen Stoff vor, zu dem er einen engen Bezug hat: Ploetz, der 1940 siebzigjährig starb, war der Großvater seiner Frau, der Übersetzerin Dagmar Ploetz. Der Arzt gilt als Begründer der Eugenik; der Begriff der „Rassenhygiene" geht auf ihn zurück. Das kulturgeschichtliche Umfeld fließt in den Roman mit ein, aber Timm operiert mit vielfältigen Brechungen und Spiegelungen, was das Sujet überhaupt erst erträglich macht. Für sich genommen, hätte man Ausführungen zur Rassentheorie mit Formulierungen wie „Zuchtwahl", „Ausmerzung" und „Ballastexistenz" nicht 500 Seiten lang ausgehalten. Doch Uwe Timm weiß um die Möglichkeiten der Narration. Auch deshalb erteilt er dem schillernden Ploetz nicht selbst das Wort, sondern erfindet einen abtrünnigen Weggefährten, eben jenen Karl Wagner, und lässt ihn von seiner Freundschaft zu dem Wissenschaftler berichten. Befragt wird der betagte Zeitzeuge von jemandem, der sich der Aufklärung der Nazi-Verbrechen verschrieben hat: von einem amerikanischen Besatzungsoffizier namens Michael Hansen, dem dritten Helden des Romans. Dieser junge Mann, ein Germanist mit Ernst Bloch und E.T.A. Hoffmann im Marschgepäck und als Zwölfjähriger mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert, hat die Funktion einer bewertenden Instanz. In ihm verbinden sich analytisches Vermögen, warmer Pragmatismus und Neugierde auf die Vielfalt des Lebens.

Es entsteht also ein spannungsreiches Flechtwerk aus verschiedenen Handlungssträngen, Schauplätzen und Textsorten. Weit ausholende Schilderungen des zerstörten Deutschlands wechseln mit knappen, präzisen Tagebuchnotizen des Offiziers, kontrastiert durch lyrische Landschaftsbilder, Vogelbeobachtungen und 14 Protokolle der Befragungen. Der Original-Ton des alten Herrn, der ins Plaudern gerät und sich auf Seitenpfaden verliert, entfaltet eine ganz eigene Kraft. Immer wieder gibt es Unterströmungen, wenn sich die Protagonisten in Liebesgeschichten verwickeln. Ikarien gewinnt seinen Reiz aus Gegensätzlichem: die zukunftsgewissen USA und das verrohte Deutschland, die Revolutionäre der Münchner Räterepublik und die Menschenzüchter unter den Nazis, Ernst Bloch und Stefan George. In Ikarien lotet Uwe Timm die Abgründe einer Utopie aus.
Maike Albath

Von Maike Albath, 24.04.2018

​Maike Albath ist Literaturkritikerin und Journalistin beim Deutschlandfunk und DeutschlandRadioKultur. Sie schreibt außerdem für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Im Berenberg Verlag liegen ihre Bücher "Der Geist von Turin" (2010) und "Rom, Träume" (2013) vor.