Sparte: Sachbuch

Ute Frevert
Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht

Sachbuch

Die Macht des Prangers

Welche Rolle spielt die Demütigung in der Politik, wie kann sie zum Instrument der Macht werden, wie den Gang der Geschichte verändern? Die Historikerin Ute Frevert geht dieser Frage von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart nach. Ihr Buch „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht" beginnt in dem mittlerweile weltberühmt gewordenen tunesischen Dorf Sidi Bouzid, wo sich im Dezember 2010 die Urszene der sogenannten Arabellion abgespielt hat. Der sechsundzwanzigjährige Gemüsehändler Mohamed Bouazizi hatte sich mit Benzin übergossen und selbst angezündet, nachdem seine Waren, die er verbotenerweise auf der Straße verkaufte, immer wieder von der Polizei beschlagnahmt worden waren. Seine Geschichte verbreitete sich über die sozialen Medien und schließlich auch offizielle Kanäle und brachte eine Bewegung auf die Straße, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo schließlich ihr spektakulärstes Bild abgab. Und alles, weil der Gemüsehändler von der Polizei geohrfeigt worden war? War diese Revolte eine Revolte der Gedemütigten?

Scham und Schande wird in dem Moment zum politischen Faktor, in dem sie öffentlich sichtbar wird, die Demütigung braucht ein Publikum.

Frevert zeigt, wie die Beschämung seit dem späten Mittelalter als Bestrafung institutionalisiert wurde. Schandpfähle und Pranger waren die Orte, an denen vorzugsweise Diebstähle und Sexualdelikte die öffentlich sichtbare Entehrung der Bestraften zur Folge hatten. Stundenlang an einen Pfahl angebunden waren die Delinquenten den Blicken und dem Spott des Publikums ausgesetzt, von dem sie noch dazu nicht selten mit Gegenständen beworfen wurden. Beim in England üblichen skimmington ride wurden Frauen, die ihre Männer geschlagen hatten, rücklings auf einem Esel sitzend durch die Nachbarschaft geführt – eine Demütigung, die von Topfschlagen und rüder Musik begleitet wurde. Frevert belegt aber auch, wie solche Praktiken im Verlauf des 18. Jahrhunderts allmählich abgeschafft wurden. Im Zuge der von Michel Foucault prominent analysierten Geburt des Gefängnisses (und der Klinik) verlagerten sich schließlich die Techniken der Macht: Wo es zuvor um das Spektakel der Strafe ging, zielten die neuen Sanktionen vermeintlich auf Verbesserung durch Kontrolle und Beobachtung. Was keineswegs das Ende der Demütigung besiegelte – sie war von nun an nur dem Blick der Öffentlichkeit entzogen.

In Ute Freverts umfassendem historischen Überblick geht es um die Ausformungen, in denen der Pranger die Jahrhunderte auf verschiedenste Weise überdauert hat. Die Würde des Menschen ist schließlich auf vielfältige Weise antastbar. In den Schulen, die Frevert als „Laboratorien der Beschämung" charakterisiert und in denen sich Generationen von Pädagogen an der Entwicklung ganzer Demütigungsarsenale versucht haben. Im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, wo die Autorin den Grenzverläufen zwischen Vergewaltigung und Sexismus folgt. In den Medien, wo Menschen im Fernsehen herabgewürdigt oder an den sprichwörtlich gewordenen Zeitungspranger gestellt werden. Und auf der Bühne der Politik, wo Ehre und Demütigung

zentrale symbolische Kategorien darstellen. An historischen Fallbeispielen wie Willy Brandts Kniefall in Warschau verdeutlicht Frevert, wie sich eine sogenannte Moralpolitik innerhalb dieser Muster bewegt.

Das Fazit, das die Autorin aus ihrer bis in die Gegenwart der sozialen Medien reichenden Analyse zieht, stimmt nicht optimistisch: Nachdem sich der Staat aus der systematischen Bestrafung durch Demütigung zurückgezogen habe, sei der Pranger auf vielen – oft subtilen – Ebenen zu einem gesellschaftlichen Mechanismus mutiert, der sich auf immer neue Weise Opfer und Anlässe suche. Vor dem auf diese Weise symbolisch gewordenen Pranger, klagt Frevert, „ist heute niemand mehr sicher".
Ronald Düker

Von Ronald Düker, 24.04.2018

​Ronald Düker ist Kulturwissenschaftler und Journalist und schreibt für DIE ZEIT sowie verschiedene Magazine. Er lebt in Berlin.