Sparte: Belletristik

Judith Schalansky
Der Hals der Giraffe

Roman

Buchbesprechung

Worum es in Judith Schalanskys neuem Roman „Der Hals der Giraffe“ geht, erfährt der Leser gleich im ersten Absatz. Nur macht er sich zu diesem Zeitpunkt noch keinen rechten Reim darauf. Im Feldwebelton befiehlt eine Biologielehrerin ihrer bereits stark dezimierten Klasse, die Seite sieben des aktuellen Schulbuchs aufzuschlagen, „und dann begannen sie mit den Ökosystemen, den Naturhaushalten, den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen unter den Arten, zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, dem Wirkungsgefüge von Gemeinschaft und Raum“. Am vorpommerschen Charles-Darwin-Gymnasium werden die Gesetze der Evolution deklamiert: „fressen und gefressen werden. Es war wunderbar.“

In Wahrheit ist das alles eher tragisch, denn Selektion und Mutation mögen zwar anmutige biologische Verfahren des Artenerhalts sein, im menschlichen Zusammenleben jedoch stellen sich Probleme moralischer Natur. Was macht man mit Schwächlichen („Parasiten am gesunden Klassenkörper“)? Muss man alle durchfüttern? („Je später man einen Versager loswurde, desto gefährlicher wurde er.“) Und ist der Sozialdarwinismus als bevölkerungspolitisches Mittel etwa zu Unrecht in Misskredit geraten?

Von solchen moralischen Zweifeln will Inge Lohmark nichts wissen, scheint doch die unerbittliche Evolution vor der demografisch schwächelnden Region, der Schule und ihrem Privatleben nicht Halt zu machen. Das Darwin-Gymnasium soll geschlossen werden. Arbeitslosigkeit. Einwohnerschwund. Nachwuchsmangel. Judith Schalansky, die aus Greifswald stammt, kennt den zivilisationsmüden Diskurs, der sich in Teilen Ostdeutschlands seit 1989 entwickelt hat.

Und auch wenn Inge Lohmark zu brachial-biologistischen Gemeinplätzen neigt, fühlen wir mit dieser verhärmten Ideologin. Sie versucht doch bloß zu kitten und zu beschwichtigen, wo es längst nichts mehr zu kitten und zu beschwichtigen gibt. Denn in Wahrheit scheint sich alles, wirklich alles dem Lauf der Natur, der etwa einen konkurrenzlos ernährungsfreundlichen Giraffenhals hervorgebracht hat, zu widersetzen. Wo die Reproduktion einer ganzen Region eingestellt wird, anstatt ihren Bestand zu mehren, wo die eigene Tochter sich nach Amerika verabschiedet hat, ohne Aussicht auf Nachwuchs, und wo der Ehemann seine libidinösen Energien auf die Straußenzucht verlegt hat, da gilt es dem Niedergang mit erhobenem Haupt und kühlem Verstand entgegenzutreten.

Inge Lohmarks Schüler bekommen das zu spüren: „Bei ihr gab es kein Mitspracherecht und keine Wahlmöglichkeit. Niemand hatte eine Wahl. Es gab die Zuchtwahl und sonst nichts.“ Doch das ist ausgerechnet im Menschenreich keine Selbstverständlichkeit: „Ordnung war nicht da. Ordnung mußte geschaffen werden. Man kam nicht hinterher.“
Man könnte seitenweise weiterzitieren aus dem Bewußtseinsstrom dieser brillant-desillusionierten Hauptfigur, doch Judith Schalansky hat es nicht auf bloße Drastik abgesehen. „Bildungsroman“ hat sie ihr Buch im Untertitel genannt und damit die Frage aufgeworfen, ob Bildung möglicherweise den Lauf der Natur oder der Demographie oder der natürlichen Hackordnung aufhalten kann. Denn der Mensch hat, wenn man so will, ein Problem: „Dieses viel zu große Gehirn. Ein Wissensspeicher, überdimensioniert wie das Geweih des eiszeitlichen Riesenhirsches.“

Es besteht also Hoffnung, dass Unvollkommenheit zu etwas nütze ist – und zwar genau in dem Moment, als Gefühle ins Spiel kommen und die Naturgesetze für einen Moment von ihrer Strukturpflicht suspendiert sind. „Ja, es gab so viel Unkontrollierbares“, so zum Beispiel die Liebe zu einer Schülerin, die in Inge Lohmark ungekannte sadistische (und somit „unnatürliche“) Instinkte weckt – ausgerechnet in ihr, die die Liebe bislang für ein „scheinbar wasserdichtes Alibi für kranke Symbiosen“ gehalten hat.

Besonders ist Schalanskys Buch aber nicht nur deshalb, weil es so unerbittlich die Grenzen der menschlichen Frustrationsfähigkeit auslotet, sondern auch wegen seiner optischen Gestaltung. Auch das Buch als Medium ist ja offenbar eine Gattung, um die es im digitalen Verdrängungskampf schlecht bestellt ist. Doch diese Autorin, die in ihrem ersten Beruf Grafikerin und Typografin ist und die bereits vor drei Jahren mit ihrem selbst gestalteten „Atlas der abgelegenen Inseln“, ein bibliophiles, preisgekröntes Liebhaberstück in Umlauf brachte, hat auch beim „Hals der Giraffe“ wieder selbst Hand angelegt.

In elegantes Leinen ist das schmale Bändchen geschlagen. Es schildert drei Tage aus dem Leben einer Lehrerin, deren biologistische Tiraden mit herrlichen Abbildungen von Fledermäusen, Quallen oder Sehkühen ergänzt, nicht illustriert wurden. So lässt sich über die gemeine Feuerqualle nicht nur erfahren, dass sie über einen rhizomartigen Gehirnersatz verfügt, sondern das Wesen lässt sich auch gleich in voller Pracht studieren. So darf der amüsierte Leser gleich von zweierlei Seiten entscheiden, ob die Qualle mit ihrem Nervennetz in Zeiten von Multitasking nicht das ganz große Loos gezogen hat.

Für Ihren Idealismus, ihren Humor und die vielschichtige Intelligenz ihres kleinen Bildungs- und Bilderromans ist Judith Schalansly von der Kritik mit überschwenglichem Lob belohnt worden. Vollkommen zu Recht.

Katharina Teutsch

Von Katharina Teutsch, 18.05.2012

​Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.