Sparte: Belletristik

Melinda Nadj Abonji
Schildkrötensoldat

Roman

Poesie des sanften Widerstands

Im Jahr 2010 ging der Deutsche Buchpreis erstmals an eine Schweizer Schriftstellerin: Melinda Nadj Abonji, 1968 im heutigen Serbien als Angehörige der ungarischen Minderheit geboren und als Fünfjährige mit ihren Eltern nach Zürich übergesiedelt, erhielt die Auszeichnung für ihren Roman „Tauben fliegen auf". Erzählte sie damals noch autobiografisch vom Sehnsuchtsort ihrer Kindheit und von den Integrationsproblemen ihrer Familie im eidgenössischen Sauberkeits-Idyll, hat sie ihr neues Prosawerk „Schildkrötensoldat" einem Helden – oder Anti-Helden – gewidmet, der als literarische Figur unvergesslich, wenn nicht unsterblich werden könnte.

Auch dieser Roman spielt in der Herkunftsregion Melinda Nadj Abonjis, in der Vielvölker-Provinz Vojvodina, und er führt zurück ins Jahr des Kriegsausbruchs 1991. Zoltán Kertész, genannt Zoli, Sohn eines Halbzigeuners und einer Tagelöhnerin, ist auf dem Land unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er gilt als geistig zurückgeblieben; in Wahrheit ist er ein ungewöhnlich sensibler Außenseiter, ein fantasiebegabter Träumer, der weder in das grobschlächtige Dorfmilieu passt noch in sein tristes, von Alkohol und Perspektivlosigkeit zerrüttetes Elternhaus.

Am liebsten hält er sich im Garten auf, redet mit Bäumen und Blumen und mit seinem Hund Tango. Die unbegreifliche Welt ordnet er für sich, indem er Kreuzworträtsel erfindet, Wörter in ihre Bestandteile auflöst. Und es verbindet ihn eine zarte Freundschaft mit seiner in die Schweiz ausgewanderten Cousine Hanna, in der wir das Alter Ego der Autorin erkennen. Nach Zolis frühem Tod reist sie nach Serbien und erforscht die Hintergründe des traurigen Geschehens. Ihre Erzählstimme begleitet und spiegelt die des Protagonisten, der sich seiner Behinderung, seiner Andersartigkeit vollkommen bewusst ist und in einer eigenwillig poetischen, oft ans Surreale rührenden Sprache aus seinem Leben berichtet.

Seit der Bäcker, bei dem er arbeitete, ihn halbtot geprügelt hat, leidet der Junge an Epilepsie-Symptomen und scheint zu nichts mehr zu taugen. Seine Eltern, so unwissend wie hilflos, wollen einen „richtigen Mann" aus ihm machen und zwingen ihn zum Eintritt in die Armee. Dort versucht er, sich gleich einer Schildkröte durch Verzögerung und Rückzug zu retten. Aber ein sanftmütiger Sonderling und reiner Tor wie er muss an der Brutalität der militärischen Maschinerie, an ihren Schikanen und Erniedrigungen zugrunde gehen. Nachdem sein einziger Freund Jenö beim gnadenlosen Drill ums Leben gekommen ist, bricht Zoli zusammen, wird als unheilbar verrückt aus der Armee entlassen und stirbt kurz darauf bei einem epileptischen Anfall.

Melinda Abonji zeigt die Rückseite und die innere Struktur der Gewalt, die an der Front ihr zerstörerisches Werk verrichtet. Doch sie zeigt auch, dass das Betriebssystem aller Kriege, die dumpfe Routine von Macht und Unterwerfung, Befehl und Gehorsam, unterlaufen werden kann durch sprachschöpferischen Eigensinn und eine widerständige Fantasie. Zwar findet der Rebell mit dem Kindergemüt ein tragisches Ende, aber die Autorin, die auch Musikerin ist, hat ihm eine Stimme und eine eigens für ihn komponierte Sprache verliehen (für Übersetzer eine schöne Herausforderung) und damit allen Unangepassten und Abweichlern dieser Welt ein Denkmal gesetzt. Zugleich ist die berührende Erzählung ein Monument für ein zerfallenes Land und eine verlorene Heimat.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 08.05.2018

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.