Sparte: Belletristik

Jenny Erpenbeck
Heimsuchung

Buchbesprechung

Jüngst ist in Deutschland ein Preis für den kuriosesten Buchtitel ausgelobt worden. Vielleicht wird es irgendwann auch eine Auszeichnung für den vielsagendsten Buchtitel geben, wer weiß. Jedenfalls hätte Heimsuchung, der neue Roman von Jenny Erpenbeck, dann beste Gewinnchancen. Doch auch so kann man der Autorin zu ihrer Titelwahl nur gratulieren. Heimsuchung – in seiner reizvollen Doppeldeutigkeit umschreibt dieses eine Wort bereits das ganze Verhängnis und die Tragik, um die es auf den knapp 200 Seiten dieses Romans geht. Denn Heimsuchung umkreist zum einen das Thema der Heim-Suche im weitesten Sinne. Der Roman fragt, was es bedeutet, eine Heimat zu haben oder sie nicht (mehr) zu haben, sie verlassen zu müssen oder für immer zu verlieren. Zum anderen steht Heimsuchung aber auch für Bedrohung und Rache, für die Schrecken des Angegriffen- oder Überfallen-Werdens.

Schauplatz der Handlung ist ein Grundstück am Ufer des märkischen Scharmützelsees. Ein Dorfschulze parzelliert und verkauft es Anfang des vergangenen Jahrhunderts an erholungssuchende Städter. In der Folge entstehen dort ein Ferienhaus und mehrere Nebengebäude. Der Platz ist idyllisch. Im Laufe der Jahrzehnte kommen unterschiedlichste Menschen dorthin, verbringen ihre Sommer im Garten und am See, baden, segeln, pflücken Himbeeren und genießen die Natur. Dieser Ort scheint ein von vielen ersehntes Versprechen einzulösen: Heimat. Es ist, so haben es die Hausbewohner zumindest auf einer der Zimmertüren aufgemalt, ein kleiner Garten Eden. Doch der Gang der Dinge folgt dem altbekannten Lauf, da ist „ein Loch in der Ewigkeit“ und so muss jeder der Besitzer, Besucher oder Mieter den Ort auf kurz oder lang wieder verlassen.

Abgesehen von einem Prolog, der die eiszeitliche Entstehungsgeschichte der Region um den Scharmützelsee beleuchtet, beginnt dieser Reigen des Besitzens und Verlierens um die vorige Jahrhundertwende bei besagter Schulzenfamilie. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts kauft ein Architekt dann einen Teil des Grundstücks und errichtet darauf ein Haus. Als der jüdische Nachbar von den Nazis gezwungen wird, sein Hab und Gut aufzugeben, kann er diesem auch das angrenzende Grundstück preiswert abkaufen. Doch auch der Architekt kann sich nicht dauerhaft an seinem neuen Besitz erfreuen. Nachdem er den Krieg und die russische Belagerung halbwegs heil überstanden hat, zwingt ihn das DDR-Regime zur Flucht in den Westen. Daraufhin lässt sich ein aus dem kommunistischen Exil heimgekehrtes Schriftstellerpaar im Haus nieder und lebt dort lange Zeit zusammen mit Freunden und Verwandten. So gibt es an diesem Ort über viele Jahrzehnte hinweg ein reges Kommen und Gehen. Die Wende schließlich macht dem Ganzen ein Ende: Haus und Grundstück fallen den wohlbekannten Erbschafts- und Rückübertragungsstreitereien zum Opfer.

Von den einzelnen Schicksalen und Geschichten, zwölf sind es an der Zahl, wird nur sehr sparsam, fast fragmentarisch erzählt. Selbst auf Namen verzichtet die Autorin größtenteils, stattdessen charakterisiert sie die Figuren durch Funktionsbezeichnungen wie „Der Rotarmist“, „die Unterpächter“ oder „die unberechtigte Eigenbesitzerin“. Dabei hätte jeder der hier bloß angedeuteten Lebensläufe für sich schon Stoff für eine eigene Erzählung geboten. Erpenbeck spart hier also bewusst aus, denn nicht die Einzelschicksale der Figuren sind für sie von Interesse, sondern das Beispielhafte dieser Lebensausschnitte, das für die historischen Umstände jeweils Repräsentative.

Als eine Art Refrain ist zwischen die einzelnen Episoden jeweils ein Kapitel eingeschoben, das dem Gärtner gewidmet ist. Seine Präsenz im Roman strahlt etwas Märchenhaft-Mythisches aus. Niemand weiß, wo er hergekommen ist („vielleicht war er immer schon da“), und niemand, wohin er schließlich verschwindet. Unberührt von den dramatischen Wechselfällen der Geschichte geht er seinen immer gleichen Verrichtungen im Garten nach. Egal, wer das Haus gerade bewohnt oder verlässt, er pflanzt schneidet, jätet „gießt Rosen, Sträucher und junge Bäume während des Sommers zweimal am Tag, einmal in aller Frühe und einmal, wenn es dämmert.“ Wie um die Unerschütterlichkeit seines Tuns zu unterstreichen, werden Aufzählungen dieser Art immer wieder wortgleich wiederholt.

Wiederholung und Rhythmik – damit sind bereits zwei wesentliche Merkmale dieser bis ins Kleinste ausgearbeiteten Romankonstruktion benannt. Der Text ist sprachlich und stilistisch so streng durchkomponiert, die einzelnen Erzählstränge sind durch Anspielungen, Verweise, Wortspiele und Motive so kunstvoll miteinander verwoben, dass man sich stellenweise eher an lyrisches Sprechen als an eine Erzählung im herkömmlichen Sinne erinnert fühlt.

Erpenbecks Sprache erweist sich immer wieder als extrem wandlungsfähig und ist stets exakt auf den gerade erzählten Inhalt abgestimmt. So taucht die Erzählstimme anfangs weit in die altertümlichen Begrifflichkeiten und Bräuche des 19. Jahrhunderts ein, um sich in den Einschüben, die sich auf den Gärtner beziehen, ganz auf nüchterne Handlungsbeschreibungen zu beschränken. Das Kapitel über die jüdische Familie ist durch vielfache zeitliche Überblendungen derart raffiniert konstruiert, dass man sich als Leser völlig arglos mit jener Katastrophe konfrontiert sieht, die sich natürlich bereits seit langem angebahnt hat. Auch hier werden Sätze und ganze Passagen refrainartig wiederholt – was in diesem Zusammenhang unweigerlich an Celans Todesfuge denken lässt.

Dass die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck im ehemaligen Ostteil Deutschlands aufgewachsen ist, würde in der Generation jüngerer deutscher Autoren (sie ist Jahrgang 67) eigentlich keine große Rolle mehr spielen, handelte es sich nicht zum Teil auch um ihre eigene Geschichte, die sie hier erzählt. Das Haus, um das es geht, gehörte eine Zeitlang ihrer Großmutter, bei der sie regelmäßig die Ferien verbrachte. Der Leser findet die Autorin in der Figur der Enkelin wieder, derjenigen, die das Haus schließlich zum Abriss freigeben muss. Dass es Erpenbeck gelingt, nicht in persönlichen Erinnerungen steckenzubleiben, sondern die eigene Vergangenheit nur zum Anlass zu nehmen, um die bewegte deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts nachzuzeichnen, macht die besondere Qualität ihres Romans aus. Diese persönlich grundierte Allgemeingültigkeit erhebt das Buch weit über das Niveau einer bloßen Familiengeschichte.
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Von Anne Nordmann, 01.08.2008