Sparte: Belletristik

Annette Pehnt
Chronik der Nähe

Roman

Buchbesprechung

​Die Mutter der Erzählerin erlebte als Kind die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs. Die Tochter, im Frieden und im Wohlstand geboren und aufgewachsen, leidet an unerklärlichen Ängsten. Als Säugling hat sie pausenlos geschrien; in jungen Jahren ist ihre größte Furcht, dass das Haus abbrennen könnte. Was der Mutter im Kindesalter zugefügt wurde, wenn ihre eigene Mutter sie „mit dem Tod bedrohte“, das heißt, sie mit der Ankündigung ihres baldigen Ablebens emotional erpresste, hat in irgendeiner Form die Psyche der Tochter erreicht und wird noch bei deren Kindern Spuren hinterlassen. Es gibt ein Band zwischen den Generationen, unterschwellig und unsichtbar, das sich nicht durchtrennen lässt: Seelische Blessuren und Traumata werden wie eine Fackel weitergegeben, wenn auch indirekt, auf Umwegen und mit Zeitsprüngen.

Die Erzählerin, die ihre Verwandtschaft mit der 1967 geborenen Autorin Annette Pehnt nicht leugnet, gehört der Generation an, die Fragen stellt, die Familiengeschichte erforschen und begreifen möchte, Beziehungen ergründen und Verhältnisse klären will. Und die, zumindest vom Kopf her, Kontakt sucht, einen Austausch von Erfahrungen und Empfindungen, der Müttern und Großmüttern so noch nicht geläufig war. Von diesem Bedürfnis und diesem Bemühen handelt Pehnts Roman „Chronik der Nähe“.

Das Ergebnis ist, genau genommen, eine Chronik der Distanz. So vital, intelligent und eloquent die Frauen in dieser Familie auch sind, so deutlich mangelt es ihnen an Empathie und Offenheit. Tradiert wird hier Selbstbeherrschung und eine gewisse Kühle, das Talent, seine Gefühle zu verbergen und im entscheidenden Moment zu schweigen, besonders dann, wenn es um „die schlechten Dinge“ geht. Deshalb weiß die Erzählerin am Ende zwar viel über das äußere Leben ihrer Mutter und ihrer Großmutter, aber vergleichsweise wenig über die innere Befindlichkeit der beiden Frauen in den jeweiligen Lebenssituationen. Und sie muss erkennen, dass sie umgekehrt von ihrer Mutter (die Großmutter ist schon gestorben) kein tieferes Interesse, kein wirkliches Verständnis für ihre Schwächen und Defizite, überhaupt für innerseelische Vorgänge erwarten darf.

Doch alles wiederholt sich: Machtspiele, Liebeswerbungen, Konkurrenzsituationen, vor allem aber die Angst des Kindes vor dem Verlassenwerden. „Und jetzt bedrohst du mich mit dem Tod“, heißt es eingangs in halb ironischer, halb trauriger Anspielung auf die hysterischen Allüren der Großmutter: Jetzt liegt die Mutter in der Klinik, und sie wird tatsächlich nicht mehr lange leben. Sieben Tage am Krankenbett bleiben der Tochter, um mit ihr zu reden, um sich frühere Begegnungen und Gespräche ins Gedächtnis zu rufen, um die eigene Kindheit und Jugend zu reflektieren und die gemeinsame Geschichte von Mutter und Großmutter zu rekonstruieren. Es ist eine Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, in die viel deutsche Realität eingeflossen ist, viel Wohlbekanntes aus kargen Zeiten und aus den Wirtschaftswunderjahren. Annette Pehnt hat einen Rahmen gebaut, in dem sie das alles noch einmal neu erzählen kann, in ihrer diskreten, spröden Sprache, die zur emotionalen Zurückhaltung ihrer Frauengestalten passt.

Natürlich gibt es auch Männer, Väter, Gatten, Liebhaber, aber sie sind früh gestorben oder bleiben schattenhaft, sie spielen in diesem besonderen Beziehungsgeflecht nur eine Nebenrolle. Die Hauptfigur ist die Mutter, die im Sterben liegt und von der Erzählerin aus wechselnder Perspektive betrachtet wird: als „Mama“ in der zweiten Person Singular, mit der sie immer wieder den Dialog aufnimmt, und als „Annie“ in der dritten Person, deren Biographie sie in Episoden nachzeichnet, sich einfühlend, so gut sie es vermag.

Spektakuläre Ereignisse, dramatische Konflikte oder hübsche Anekdoten, die üblichen Ingredienzien des Familienromans, werden nicht mitgeliefert. Annette Pehnt hat eine gewissenhafte, ebenso intime wie allgemeingültige Studie über Mutter-Tochter-Verhältnisse geschrieben, die übrigens ohne Fragezeichen auskommt, obwohl es darin von expliziten und unausgesprochenen Fragen wimmelt. Und als wollte sie die Vermutung bekräftigen, dass es sich um ein sehr persönliches Buch handelt, hat sie den Titel ihres Debütromans „Ich muss los“ eingebaut, der ihr 2001 den Durchbruch als Schriftstellerin bescherte. Hier heißt es: „Mutter, ich muss schon wieder los, und wenn du zu mir kommst, lade ich dich an den See ein, da gibt es das beste Eis, und du weißt, wie sehr ich dich liebe, aber einen Kuss gibt es heute nicht, ich muss ganz schnell los.“         
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 18.12.2012

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.