Sparte: Sachbuch

Stefan Klein
Das All und das Nichts. Von der Schönheit des Universums

Sachbuch

Eine Anleitung zum Staunen. Stefan Klein führt durch die Geheimnisse des Universums

Wer denkt, die Wissenschaft bringe die Welt um ihre letzten Geheimnisse, hat sich nie mit Astronomie befasst. Etwa mit der dunklen Materie, die nach heutigem Wissen 84,5 Prozent aller Materie ausmacht und über die wir fast nichts wissen, mit der kosmischen Hintergrundstrahlung, mit den seltsamen Eigenschaften des Lichts oder den Merkwürdigkeiten verschränkter Quanten und gekrümmter Raumzeit.

Der studierte Physiker und bekannte Wissenschaftsautor Stefan Klein hat bereits über viele Themen geschrieben, über Glück, Zufall und Zeit zum Beispiel. In seinem neuen Buch präsentiert er einige der großartigen und zum Teil noch immer wenig verstandenen Phänomene des Universums. Dabei wird dem Leser schnell klar, dass uns die Geheimnisse so bald nicht ausgehen werden: Wenn die Wissenschaft eine Antwort findet, tun sich drei neue Fragen auf, mindestens.

Bis auf Millionstel Grad können Forscher heute die Temperatur der das ganze Universum erfüllenden Hintergrundstrahlung messen und aus deren Muster zum Beispiel entnehmen, dass der Weltraum sich derzeit mit Überlichtgeschwindigkeit ausdehnt. Unendlich ist die Welt dennoch nicht, das lehrt, wie Klein ausführt, schon die Dunkelheit der Nacht: Gäbe es unendlich viele Sterne, müssten sie dicht an dicht am Nachthimmel stehen und die Nacht wäre hell. Dennoch gibt es jenseits des sichtbaren Universums Bereiche, von denen wir nie erfahren werden, schon weil sie sich schneller entfernen als das Licht nachkommen kann. Je mehr wir über die Beziehungen im Universum erfahren, desto geheimnisvoller erscheint uns die Welt, fasst Klein zusammen.

Für sein Buch benötigt man keine Vorkenntnisse. Er beginnt die Kapitel mit den Fragen, die er einst als Kind seinen Eltern stellte – Was ist Licht? – oder mit kurzen historischen Rückblenden. So erklärt er die Relativitätstheorie ausgehend von der Frage des 15-jährigen Albert Einstein, wie es sei, auf einem Lichtstrahl zu reiten, und die Quantenverschränkung anhand eines Krimis.

Um die Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft zu erklären, benutzt Klein auch ganz irdische Phänomene, etwa das Wetter. Warum kann es noch immer nicht präzise vorhergesagt werden? Weil sehr viele Faktoren das Wetter beeinflussen, die nicht genau genug gemessen und in Modellrechnungen berücksichtigt werden können. Und wenn sie nicht berücksichtigt werden, wird die Vorhersage ungenau. Einerseits, so Klein, lässt die Natur uns tief in ihr Regelwerk blicken, andererseits verwehrt sie uns, ihr Spiel zu durchschauen. Die Wendungen der Liebe, unsere Gedanken, selbst das Gewimmel in einem Ameisenhaufen wird immer unberechenbar bleiben, so der Autor.

Unmittelbarer praktischer Nutzen lässt sich aus Erkenntnissen über das Universum nicht unbedingt ziehen, stattdessen liefern sie grundlegende Erkenntnisse über die Welt. Etwa die Entdeckung des Higgs-Teilchen, das gar kein Teilchen ist, sondern ein Feld, aus dem die Teilchen, die es durchqueren, ihre Masse beziehen. Anders gesagt: ohne dieses Teilchen gäbe es unsere Welt nicht. Das Higgs-Teilchen zu finden habe über zehn Milliarden Dollar gekostet, berichtet Klein – und überlässt es dem Leser, darüber nachzudenken, ob sich diese Investition gelohnt hat.

Klein hat eine für ein Sachbuch erstaunlich poetische Ader: Fast sei es, so schreibt er einmal, als habe das Universum von unserem Kommen gewusst. Wir verdanken unser Dasein einer Laune des Nichts, heißt es an anderer Stelle. Nach der Lektüre des Bandes wird der Leser mit umso größerem Staunen in den nächtlichen Himmel blicken.
Manuela Lenzen

Von Manuela Lenzen, 19.06.2018

Manuela Lenzen ist freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt vor allem über die Themen Evolution, Kognition und Künstliche Intelligenz.