Sparte: Belletristik

Nicol Ljubić
Ein Mensch brennt

Roman

Erinnerung an die Wahrheit
Nicol Ljubic lotet die Schwellen zwischen engagiertem Aktivismus und der Sogkraft des Fanatismus aus

Nicol Ljubić gehört zur immer größeren Zahl deutschsprachiger Autoren internationaler Herkunft. 1971 in Zagreb als Sohn eines kroatischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, arbeitet er heute in Deutschland als freier Journalist für verschiedene Medien und hat dafür unter anderem 2005 den renommierten Theodor-Wolff-Preis erhalten. Seit 2002 veröffentlicht er parallel Romane. Mit „Meeresstille" (Hoffmann & Campe), einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Jugoslawien-Konflikts, stand er 2010 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Ljubićs Roman „Ein Mensch brennt" ist das beeindruckende Ergebnis einer Verbindung von journalistischer und literarischer Begabung, mit einem für die jüngere Geschichte Deutschlands hochinteressanten Stoff. Es geht um die 1970er-Jahre in der BRD, die durch große gesellschaftliche Herausforderungen, wie den RAF-Terrorismus, bestimmt waren. Vor verwandtem Hintergrund vermittelt Ljubić ein packendes Bild dieser durch Fanatismus und Konfrontation geprägten Zeit. Wer Anliegen wie die Abschaltung der Atomkraftwerke propagierte, , die heute mehrheitsfähig sind, galt damals- auch für den sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt - als „grüner Spinner". So auch der politische Einzelkämpfer und Umweltaktivist Hartmut Gründler (1930-1977), der gegen die damalige Atompolitik demonstrierte, vergeblich versuchte mit Helmut Schmidt Kontakt aufzunehmen, unzählige Briefe schrieb, in den Hungerstreik trat und sich schließlich am 16. November 1977 vor der Hamburger Petrikirche mit Benzin übergoss und anzündete. Wenig später erlag er seinen Verletzungen. Ljubić geht dessen Schicksal nach und erzählt aus der fiktiven Perspektive und Rückschau eines Mannes, der Gründler in den Siebziger Jahren kennen lernt. Eines Tages zieht ein neuer Mieter in die Souterrain-Wohnung des Familienhauses. Schon am ersten Abend stellt sich heraus, dass er anders ist, als so manche. Erstaunt sieht der damals Neunjährige, wie der neue Mieter Gründler Wein und Zigarre des Vaters ablehnt. Andere Sachen scheinen ihm wichtiger zu sein.

Geschickt verbindet Ljubić die Perspektive des älter gewordenen Jungen, der auf seine eigene Naivität zurückblickt, mit der allmählichen Auflösung der Gemeinschaft seiner Eltern, die bald nach dem Einzug Gründlers beginnt. Die Mutter, eine Lehrerin, ist für Gründlers Anliegen empfänglich, sieht in Gründlers Leidenschaft für die Sache fasziniert die Möglichkeit einer Existenz jenseits von Socken stopfen und Schulhefte korrigieren. Der Vater, ein mittelständischer Firmeninhaber und gutmütiger Lebensgenießer, toleriert den asketischen Gründler mit skeptischem Spott. Doch bald entfernen sich die Eltern unter dem Einfluss Gründlers voneinander. Sehr wahrscheinlich, ohne, dass die Mutter je mit Gründler ein Verhältnis angefangen hätte. Gerade, dass es ausschließlich um die Sache ging, war wichtig.

Ljubićs Sprache ist einfach und klar, und gerade dadurch zieht sie in ihren Bann. Sie wirkt wie der glaubwürdige Ausdruck der Gefühle und Gedanken eines seit seiner Jugend durch die Geschehnisse im Familienhaus irritierten Mannes, der jetzt, nach dem Tod seiner Mutter, ihren letzten Willen umsetzen soll: für die Erinnerung an Gründlers unbedingte Liebe zur Wahrheit zu sorgen. Dabei wird ihm selbst erst richtig klar, was damals geschehen ist. Auch der Spannungsaufbau gelingt. Indem der Leser dem Blick des Jungen folgt, der das meiste nur halb versteht und langsam dazu lernt, erhält er ein sympathisches Alter Ego. Und Gründlers fanatischer Idealismus erhält ein ironisch-humorvolles Korrektiv, wenn der Junge mit ähnlichem Enthusiasmus Fußballerbildchen sammelt. Ohne sich dafür umzubringen.

Wichtig an Gründlers Engagement ist, dass er dabei den gewaltfreien Ideen Mahatma Gandhis folgt. Die damals von vielen verdrängte Problematik der gefahrenfreien „Endlagerung" radioaktiver Stoffe, die es nicht gibt, führt ihn dazu, das eigene Anliegen als „Lebensschutz" zu definieren. Dass er dabei mit dem eigenen Leben bezahlt, ist seine Tragik.

Gegen Ende des Buchs wird allerdings auch klar, dass Gründler die Mutter des Jungen zur gemeinsamen Selbstverbrennung anstiften wollte. Nicht etwa, weil er vergessen hatte, dass sie Mutter war, sondern weil er glaubte, dass das „Opfer" einer Mutter mehr Aufsehen erregen würde. Die Mutter hat damals abgelehnt und fühlte sich deswegen noch lange als Verräterin an Gründler. So erhält der bedingungslose Idealismus Gründlers, gerade auch für den Erzähler, eine deutlich kritische Note. „Ein Mensch brennt" analysiert die ganze Problematik fanatischer Haltungen ohne didaktischen Zeigefinger und stellt sie damit offen zur Diskussion.
Hans-Peter Kunisch

Von Hans-Peter Kunisch, 11.05.2018

​Hans-Peter Kunisch lebt in Berlin und Irland. Er ist freier Autor und Journalist und schreibt vor allem für die Süddeutsche Zeitung.