Sparte: Belletristik

Daniel Kehlmann
Tyll

Roman

Der unsterbliche Narr

Einer der Schlüsselsätze zu Daniel Kehlmanns Roman findet sich am Ende der Exposition, in der Tyll Ulenspiegel ein ganzes Dorf in Aufruhr bringt: Er, der geschickte Akrobat, balanciert über den Köpfen der Menge auf einem Seil, und die kollektive Erzählstimme des Dorfes konstatiert: „Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden." Und Tyll ruft den Menschen von oben zu, sie mögen ihre Schuhe ausziehen, ein jeder den rechten Schuh, und ihn in die Luft werfen. Als die Menschen ihm, dem faszinierenden Gaukler gehorchen, lacht er sie aus, beschimpft sie und fordert sie auf, sich den Schuh nun zurückzuholen. Es entsteht eine Massenschlägerei, die von Tyll Ulenspiegel lachend beobachtet wird. Ein Jahr später kommt der Tod in das Dorf, in Form des großen Krieges, und die Erzählstimme sagt den entscheidenden Satz: „Denn es ist alles nicht lang her."

Daniel Kehlmann hat, darin sind sich Kritiker und Leser einig, nach „Die Vermessung der Welt" (2005), mit „Tyll" erneut einen meisterhaften historischen Roman geschrieben. Ein Buch, das sich sprachlich so ungemein geschmeidig um seine Figuren herumwickelt. Einen Roman, der mit spielerischer Eleganz, einer ungeheuren Begabung für Dialoge und einem Gespür für Komik besticht. Und warum schreibt man einen historischen Roman? Um zu zeigen, dass all das noch nicht lange her ist. In „Tyll" herrscht die größtmögliche künstlerische Freiheit: Kehlmann macht eine reale historische Figur zum Protagonisten, die in Wahrheit in einer anderen Zeit gelebt hat, und platziert sie dort, wo sie seinem Erzählvorhaben am meisten nützt. Denn die Überlieferung besagt, dass Till Eulenspiegel im Jahr 1300 geboren wurde. Eulenspiegel gilt in der Überlieferung als übermäßig intelligente und wortgewaltige Figur, die ihren Mitmenschen Streiche spielte und auf diese Weise deren Unzulänglichkeiten bloßstellte. Kehlmann allerdings setzt ihn mitten ins 17. Jahrhundert hinein, in den Dreißigjährigen Krieg. Und diese Transformation funktioniert allein deswegen so fabelhaft, weil Kehlmann sie innerhalb seiner Romankonstruktion plausibel machen kann.

Die vielleicht stärksten Passagen des Romans sind diejenigen, in denen Kehlmann das Aufwachsen seines Helden in ärmlichen Verhältnissen schildert und zugleich ein Porträt des Vaters schreibt. Der ist ein Müller und ein Autodidakt, der nach nicht weniger als nach dem Weltwissen strebt und in seinen Forschungen keine Unterschiede macht zwischen dem, was naturwissenschaftliche Erkenntnis und was ketzerische Magie sein könnte. Dass er die lateinischen Bücher, die er zu seinen Erkundungen heranzieht, gar nicht verstehen kann, ist eine der vielen bösen Pointen. Es ändert aber auch nichts daran, dass er von den Schergen der katholischen Kirche zunächst unter Folter zu einem Geständnis bewegt und anschließend hingerichtet wird. Von nun an zieht Tyll als Gaukler durch das Land. Die Tyll-Figur wird zum Zentrum des Romans, um das herum Daniel Kehlmann ein breites, von verschiedenen Figuren getragenes Panorama des Dreißigjährigen Krieges aufbaut.

Kehlmann wechselt die Perspektiven. Wir lernen den böhmischen Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz kennen, dessen politisches Handeln im Grunde genommen der Auslöser für den Krieg war. Und seine Gattin Elisabeth Stuart, die Kehlmann am Ende des Romans als listenreiche, geschickte Diplomatin auftreten lässt. Wir kommen sehr nahe heran an die letzte große Feldschlacht des Krieges in der Nähe des bayerischen Ortes Zusmarshausen. Und zwischen all diesem Weltgeschehen tanzt Tyll als der ewige Narr umher; als einer, der alles kann und dem auch alles erlaubt ist. Als ein Unsterblicher. Religion, Intrigen, Ränkespiele, Fanatismus, Feigheit. Noch einmal: Das alles ist noch nicht lange her. Oder anders ausgedrückt: Es war noch nie vorbei. Dass Daniel Kehlmann in der literarischen Darstellung der ewigen Konstanten menschlicher Unzulänglichkeiten ganz tief in die Kiste seines handwerklichen Könnens gegriffen hat; dass er die Chronologie ebenso leichthändig aufbricht wie sämtliche Kausalitäten; dass er aus der Literaturgeschichte zitiert, sich Motive borgt und mit ihnen herumspielt wie ein glückliches Kind – all das sei ihm vergönnt.

Zum einen, weil es dem Vergnügen seiner Leser dient. Zum anderen aber, weil Kehlmann mit „Tyll" so etwas wie ein Befreiungsschlag gelungen ist: Endlich stellt sich wieder der Eindruck ein, dass hier nicht einfach nur ein brillanter Autor seine Virtuosität um ihrer selbst willen ausstellt. In „Tyll" verbinden sich Sprache, Form und Stoff zu einem Kunstwerk, das eben mehr ist als ein bloßes Schelmenstück.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 11.05.2018

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.