Sparte: Sachbuch

Martin Geck
Robert Schumann - Mensch und Musiker der Romantik

Biografie

Buchbesprechung

Robert Schumann gilt als Inbegriff der romantisch-tragischen Künstlerpersönlichkeit, als introvertierter Schmerzensmann unter den großen Komponisten des 19. Jahrhunderts: ein Charakter voller Widersprüche, ein Leben im Wechselbad von Schaffensrausch und Daseinskrise, ein frühes Ende in Einsamkeit und geistiger Umnachtung.

Am Nachmittag des 29. Juli 1856 starb Schumann, gerade 46 Jahre alt, in der Endenicher Psychiatrie. Zwei Jahre zuvor hatte er sich nach einem gescheiterten Selbstmordversuch und mit schweren Gehörshalluzinationen in die Anstalt bei Bonn einweisen lassen. „Melancholie mit Wahn“ lautete damals der Vermerk auf der Krankenakte, nach Schumanns Tod wurde diesem Eintrag der Begriff „Paralysie“ hinzugefügt. An der Frage, ob diese Symptome als Spätfolgen einer Syphilisinfektion gedeutet werden können, die sich Schumann als junger Mann zugezogen haben soll, scheiden sich die Geister bis heute.

So rätselhaft das Krankheitsbild trotz des ausführlichen Quellenmaterials auch bleibt, es geriet dem 1810 in Zwickau geborenen Komponisten noch postum zum Verhängnis. Die vage medizinische Diagnose wurde von der Nachwelt auf seine Musik übertragen. Als „auskomponierte Psychose“ bezeichnete beispielsweise der Dirigent Giuseppe Sinopoli die zweite C-Dur Sinfonie. Für den Komponisten Dieter Schnebel kündet der Liederzyklus „Dichterliebe“, entstanden in Schumanns erster produktiver Hochphase von 1840, von einer „tief angelegten melancholischen Resignation, welche den Lebenswillen lähmt”.

Und obgleich das letzte Orchesterwerk, das bis 1937 von Schumanns Nachlassverwaltern unter Verschluss gehaltene Violinkonzert in d-Moll, mittlerweile zum festen Repertoire vieler Geigenvirtuosen gehört – vor allem das Spätwerk des romantischen Tondichters wird noch immer als Psychogramm seines geistigen Verfalls wahrgenommen.

Pünktlich zu seinem 200. Geburtstag wird Schumann gegen diese reduktionistische Deutungstendenz von Martin Geck in Schutz genommen. Der Düsseldorfer Musikwissenschaftler hat dem Jubilar eine Biografie gewidmet, in der die chronologische Schilderung des Komponisten-Schicksals durch eingeschobene, geschmeidig lesbare Essays zu einzelnen Stücken und bestimmten Schaffensmomenten ergänzt wird. Auch für Geck steht außer Zweifel, dass Schumanns Musik von den Besonderheiten seiner Persönlichkeit geprägt wurde, dass Leben und Werk im Sinne einer romantischen Universalästhetik „geradezu symbiotisch miteinander verschmolzen“ seien, wie direkt gleich zu Beginn des Buches betont wird. Nur bedeute dies gerade nicht, dass das Werk erschöpfend durch das Leben erklärt werden könne.

Dem Klischee vom delirierenden Musikgenie setzt Geck das differenzierte Porträt eines hochreflektierten Künstlers entgegen, der seine überschäumende Kreativität und pathologische Leidensfähigkeit konsequent einem unerbittlichen Arbeitsethos und einer klar durchdachten Musikpoetik unterordnete. Schumann erscheint hier als heroischer Bezwinger der eigenen Abgründe, der seinen kunstprogrammatischen Anspruch, das subjektive Erleben im Akt des Komponierens poetisch zu überformen und so in seiner Musik einen neuen, überindividuellen Sinn zu erzeugen, mit bewundernswerter Disziplin bis zum endgültigen geistigen Zusammenbruch eingelöst hat.

Geck widmet sich dem Phänomen Schumann in seiner ganzen Vielschichtigkeit und beleuchtet dessen unterschiedliche Facetten mit gleichbleibender Souveränität: Schumann als Komponist, als literarisch ambitioniertern Musikjournalist, als politisch umtriebiger Zeitgenosse, als Vater von acht Kindern und Ehemann der gefeierten Klaviervirtuosin Clara.

Was die Beziehung mit Letzterer angeht, schlüpft der Biograf erneut in die Rolle des Verteidigers: Einem zählebigen Gerücht zufolge soll sich Clara mit dem jungen Brahms vergnügt haben, während ihr Mann in der Klinik einsam seinem Ende entgegendämmerte. Geck brandmarkt dies als haltlose, sensationsheischende Unterstellung. Seinen Einspruch formuliert er diesmal nicht in der gewohnt nüchternen Manier, sondern leidenschaftlich, regelrecht polemisch. Neben Gecks so fachkundig wie nachvollziehbar vorgetragener Wertschätzung des Musikers Schumann bricht hier, auf den letzten Seiten, die Empathie für den Menschen durch.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 01.09.2010

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.